Florenz: Facing Diversity. Intercultural Classroom Management

von D. H. R.

12.10.-17.10.2020

Nachdem ich den Kurs eigentlich schon Ende Juni besuchen wollte, plante ich nun trotz der Corona-Pandemie, den Kurs im Oktober zu belegen. Die Schule EUROPASS informierte mich immer sehr gut über den aktuellen Stand und hielt mich auf dem Laufenden. Insbesondere Tania Strugova von EUROPASS war hier immer eine große Hilfe.

Nicht ganz so einfach war die Buchung der Flüge, die mehrfach verschoben wurden. Letzten Endes wurde mein Rückflug komplett gestrichen. Mein Hinflug wurde insgesamt 18-mal verschoben – andere Uhrzeiten, Tage, Zwischenstopps. Das konnte ja was werden. Am Ende entschied ich mich schon früher nach Italien zu fliegen, insbesondere da die Verbindung Hamburg – Florenz sehr schlecht ist. Los ging es also am 08.10.2020 nach Neapel. Nach ein bisschen kulturellem Flair am Fuße des Vesuvs, ging es dann am 11.10.2020 mit dem Zug nach Florenz. Endlich!

Montag, 12.10.2020

Meine zweite Mobilität nach Florenz beginnt. Schnell Frühstück bei I Ghibellini, zwei Wegminuten von der Schule, und ab geht’s. Bekannte Gesichter empfangen mich – Tania hat mich sofort wiedererkannt. Im Klassenraum angekommen, bin ich erstaunt: nur eine andere Teilnehmerin. Touria aus Belgien war die einzige, die sich außer mir aufgemacht hatte. Allen anderen blieb dies aufgrund zahlreicher Reiserestriktionen leider verwehrt. Schade! Aber nun gut – Vorstellungsrunde, Gespräche über die Schulen und unsere Arbeit machten den Anfang und nach einer kleinen Kaffeepause sprachen wir über Diversität in unseren Klassen und wie wir ihr begegnen. Welche Probleme ergeben sich? Wie versuchen wir diese zu lösen. Wir stecken also erst einmal den Rahmen ab für den Rest der Woche.

 

Dienstag, 13.10.2020

Zweiter Tag. Corona bestimmt auch den Alltag in der Schule. Masken sind Pflicht. Layla Dari, unsere italienische Dozentin trägt ein Visier, Desinfektion für alle. Und natürlich schleicht sich Corona auch immer wieder in unsere Gespräche. Die Pandemie lässt sich nicht ausblenden.

Wir sprechen zuerst über Unterschiede zwischen Interkulturell und Intrakulturell. Wir halten fest, dass intrakulturell sich auf eine einzelne Kultur und deren Regeln und negative Effekte bezieht – beispielsweise Stereotypen. Interkulturell steht für den Austausch zwischen zwei oder mehr Kulturen. Das Konfliktpotential liegt hier im Unbekannten und Ungewissen.

Layla erzählt viel und lässt eine Powerpoint durchlaufen. Tatsächlich verstehe ich nicht alles, da ihr Englisch manchmal schlecht zu verstehen ist und sie manchmal sehr schnell springt. Wir sehen ein paar Videos und sprechen anschließend über die Probleme in den Videos. Anschließend gibt uns Layla Beispielfälle mit Aufgaben, die wir lösen sollen. Spannend.

Mittwoch, 14.10.2020

Heute wird es sehr interessant. Der kulturelle Eisberg. Ich kenne ihn noch aus der Uni. Insofern ist er für mich nicht neu, allerdings gehen wir sehr tief darauf ein und schauen uns verschiedene Texte und ein Video dazu an. Am Ende sollen wir einen leeren Eisberg ausfüllen.

Der kulturelle Eisberg ist die Versinnbildlichung von kulturellen Eigenheiten. Nur 10 Prozent des Berges können wir sehen, der Rest liegt unter Wasser, unsichtbar. Ebenso funktioniert Kultur. Man kann einem Menschen vielleicht seine Kleidung, sein Auftreten ansehen, man kann die Küche eines Landes sehen und schmecken, ebenso ist Literatur und Musik ohne weiteres erlebbar. Jedoch können wir einem Menschen oder einer Kultur keine Werte, Regeln, Etikette und Vorstellungen ansehen. Ebenso wenig kann man Geschlechterrollen, Erwartungen, Normen und vieles mehr einfach erfahren. Hierzu muss man tiefer schauen, jemanden kennenlernen. Dies ist der Teil des Eisbergs, der unter der Wasseroberfläche liegt.

Nach einer kurzen Kaffeepause sprechen wir darüber, wie man Empathie fördern kann, wie man sich also auf den unsichtbaren Teil des Eisberges einlassen kann. Insbesondere ist hier die Kommunikation wichtig. Wie funktioniert Kommunikation und welche „emotional skills“ gibt es. Auch hier schauen wir wieder ein paar Videos und der Tag ist um.

 

Donnerstag, 15.10.2020

Heute steht auf dem Plan „Project-based learning for an inclusive school”. Huch? Jetzt geht‘s um Techniken. Tatsächlich habe ich den ganzen Tag das Gefühl, dass es nicht mehr um Diversity Classroom Management geht. Denn wir sprechen nur über Unterrichtsmethoden. Den Ansatz des Inquiry Based Learning habe ich nicht verstanden. Ich fühle mich abgehängt. Wir schieben einen Absatz über Kompetenzen ein: Kritisches Denken, Kreativität, Initiative, Problemlösen, Risiken erkennen, Entscheidungen treffen, Gefühlsmanagement.

Hier noch fix ein paar Details zu den Methoden vom Donnerstag:

Project-Based Learning entspricht im Grunde unserer guten Projektarbeit. In Deutschland arbeiten wir insbesondere in allgemeinbildenden Schulen schon lange mit Projektarbeit. In anderen Ländern ist dies nicht so stark vertreten. Besondere Methoden zu Projektarbeit für einen inklusiven oder integrativen Unterricht bekommen wir nicht an die Hand. Projektarbeit soll dabei eine Aufgabe für die Schüler beinhalten, die sie in Gruppen oder als ganze Klasse initiieren, organisieren, planen und durchführen müssen (z.B. Kajakbauen, Erstellen einer Ausstellung o.ä.). Im Gegensatz hierzu steht das Problem-based Learning. Hier wird eine Problemsituation gegeben und die Schülerinnen und Schüler sollen versuchen, dieses Problem zu lösen und Strategien zu entwickeln. Inquiry-based learning ist für uns Deutsche vielleicht manchmal schwer greifbar. Das Problem liegt hierbei in der Abgrenzung zum problem-based learning. IBL setzt eine Fragestellung voraus, ProblemBL ein Problem. In Deutschland wird meines Wissens nach nicht so stark getrennt, beziehungsweise variiert dies auch etwas in den Didaktiken, in denen ich nachgeschlagen habe.

 

Für weiterführende Informationen hierzu empfehle ich:

Project-based learning: https://www.pblworks.org/what-is-pbl

Problem-based learning: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1125189/

Inquiry-based learning: https://www.edutopia.org/blog/what-heck-inquiry-based-learning-heather-wolpert-gawron

 

Freitag, 16.10.2020

Heute geht es um Feedback und Reflektion. Wieder fehlt mir der Bezug zu Diversity Classroom Management. Darüber hinaus kenne ich die Methoden aus der Uni. Touria kennt sie auch. Layla ignoriert das etwas. Naja. Es gibt Zertifikate und wir beenden den Kurs. Touria und ich lassen den Kurs bei einem gemeinsamen Mittagessen ausklingen und verabreden uns für Samstag, um die Toskana zu erkunden.

 

Hier noch Details zu den Feedback-Methoden vom Freitag:

Tatsächlich diskutierten wir hier viel über die Erstellung von Fragebögen, wo Schülerinnen und Schüler zwischen Kategorien wie (trifft voll zu) und (trifft überhaupt nicht zu) wählen können. Es schien mir etwas so, als sei dies in anderen Ländern das Non-Plus-Ultra und voll in Mode. Ich persönlich halte davon nicht viel und finde diese Methoden zum Reflektieren für Schülerinnen und Schüler in der Primarstufe ohnehin unangebracht und selbst für die Sekundarstufe I noch nicht vollumfänglich nutzbar. Ich persönlich empfehle hier lieber die Feedback-Methodenbar der Uni Duisburg, mit der ich seit Jahren bereits arbeite.

Der große zweite Gesprächsblog befasste sich mehr mit dem WAS als mit dem WIE. Was genau lassen wir eigentlich bewerten, bzw. WEN und ergänzend WER bewertet überhaupt. Es lassen sich nämlich verschiedene Richtungen ausmachen: Schülerinnen und Schüler bewerten sich selbst, Schülerinnen und Schüler bewerten sich gegenseitig, Schülerinnen und Schüler bewerten die Lehrkräfte, Lehrkräfte bewerten Schülerinnen und Schüler usw. Tatsächlich ist dies für mich natürlich verständlich und sogar bekannt, da ich selbst Lehramt studiert habe. In der Arbeit an der Volkshochschule ist dies aber generell so gut wie nicht relevant. An der VHS sind höchstens Kursbewertungen oder Feedbacks zum Unterricht machbar. In der Regel bewerten wir die Leistungen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern nicht. Deutsch- und Integrationskurse mögen hier teilweise eine Ausnahme darstellen.

 

Feedback-Methodenbar der Uni Duisburg: https://www.uni-due.de/imperia/md/content/zfh/feedbackmethodenbar_2012.pdf

Samstag, 17.10.2020

Eigentlich hatte die Schule Ausflüge angeboten, tatsächlich sollte aber nur einer stattfinden, aufgrund mangelnder Teilnehmerzahlen. Ich kenne den Ausflug nach Siena schon vom letzten Jahr. Touria möchte sich in einem Reisebus nicht Corona aussetzen.

Stattdessen mieten wir ein Auto und erkunden Lucca, Pisa, Volterra und San Gimignano – ein wunderbarer Tag. Und der Beginn einer neuen Freundschaft.

Malta: Diversity in Education. Developing intercultural and communications skills

Von R.S.

Sonntag, den 12.07.2020, Anreise

Reisen ist wundervoll…und manchmal nichts für Menschen mit schwachen Nerven! Als Bestätigung dieser These startet meine Reise nach Malta sehr kurios.

Ich habe mich für den Kurs „Diversity in Education. Developing intercultural and communications skills“ bei ETI Malta angemeldet und er sollte am Montag, den 13.07.2020 beginnen. Ich hatte für den Sonntag davor einen Flug von Hamburg nach Malta gebucht, und in den Monaten der COVID-Pandemie fast täglich gebangt und überlegt, ob alles wie geplant stattfinden kann. Anfang Juli wurden die Reisewarnungen für die EU-Länder aufgehoben, die Maßnahmen für die Eindämmung der Pandemie lockerten sich. Als mir ETI Malta die Veranstaltung endgültig bestätigte, war die Vorfreude groß!

Nun saß ich also am Samstag, den 11. Juli, einen Tag vor dem Abflug, an meinem Laptop und wollte nur noch das Check-in erledigen:  alle Unterlagen sind sorgfältig in der Tasche einsortiert, der gepackte Koffer steht im Flur. Plötzlich leuchtet der Bildschirm rot auf – der Flug ist storniert worden! Ich kann es nicht fassen, denn ich habe keinerlei Informationen darüber bekommen – weder von dem Ticket-Anbieter, noch von der Fluggesellschaft. Und jetzt? Mir wird klar, dass ich absolut keine Zeit habe mich aufzuregen und verschiebe das für später, denn jetzt brauche ich zuerst eine Lösung.

Und ich muss eine Entscheidung treffen. Alle anderen Gedanken, etwa an Kostenerstattungen, schriftliche Beschwerden oder plausible Erklärungen für die fehlenden Informationen über den stornierten Flug sind ganz weit nach hinten in meinem Kopf verstaut und warten auf ihre Zeit.

So viele Monate voller Unsicherheit, dann endlich läuft alles einigermaßen normal, und nun soll das Ganze an dem stornierten Flug scheitern? Ich möchte nichts unversucht lassen und stöbere durch das Internet nach einer Alternative. Dann finde ich sie! Es gibt ebenfalls am Sonntagabend einen direkten Flug von Berlin nach Malta, der mir glücklicherweise in jeder Hinsicht passt. Ich wäre allerdings sehr spät da, und am Montagmorgen soll mein Kurs starten- aber das ist okay für mich.

Ich kontrolliere mehrfach – ja, der Flug wird als planmäßig und pünktlich angezeigt. Ich buche also schnell einen neuen Hin – und Rückflug und mache mich am nächsten Tag rechtzeitig auf den Weg nach Berlin. Am Flughafen Berlin-Tegel ist alles wie immer. Selbstverständlich gibt es wegen der COVID-Pandemie Maskenpflicht und Distanzregelung, aber sonst geht alles relativ zügig. Ab ins Flugzeug.

Nach einem sehr schönen und harmonischen Flug lande ich um 23.40 Uhr planmäßig in Malta. Von nun an geht’s Ruck-Zuck: mein Gepäck ist als erstes bei der Gepäckausgabe verfügbar, mein Fahrer wartet direkt am Ausgang, die Fahrt bis zum Hotel dauert 10 Minuten, das Einchecken ist problemlos – und endlich bin ich in meinem Hotelzimmer. Erst beim Einschlafen fällt mir ein, dass ich meine Mobilität um ein Haar verpasst hätte. Tja, nun! – sagen wir in Norddeutschland…nun bin ich aber da!

 

Montag, den 13.07.2020, 1. Tag

Ich bin schon um 6 Uhr hellwach. Mein Hotelzimmer ist gemütlich und ich fühle mich nach den Strapazen des turbulenten Wochenendes gut ausgeruht. Das Frühstück im Hotel wird am Tisch serviert, man wählt vorab seine Speisen und sie werden immer wieder vom Personal nachgereicht. Alle Hotelmitarbeiter tragen Masken, bei den Gästen wird dies etwas lockerer gesehen.

Und letztendlich ist das Frühstücken mit einer Maske im Gesicht nicht gerade sättigend! Ich mache mich nach dem Frühstück auf den Weg zu dem nahe gelegenen felsigen Strand- ich kenne ihn vom letzten Jahr, denn ich hatte bereits im Jahr 2019 im Rahmen eines Erasmus-Plus -Projekts einen wunderbaren Kurs über Digitalisierung bei ETI-Malta besucht. Die Insel wirkt auf mich in diesem Jahr allerdings leerer und ruhiger.

Die Corona-Pandemie hat auch hier ihre Spuren hinterlassen, und man merkt, dass der Tourismus gerade erst wieder zum Leben erwacht. Das empfinde ich aber als wirklich angenehm, denn die Insel ist nicht nur weniger überfüllt, sie ist auch deutlich sauberer und leiser. Ich bin um 8.30 Uhr schon in dem ESE-Gebäude, in dem mein Kurs stattfinden wird- mein Hotel ist gleich drei Eingänge weiter und das ist sehr entspannt, so brauche ich mich überhaupt nicht zu beeilen.

An der Tür bei ETI-Malta empfängt mich eine sehr freundliche Dame, die direkt am Eingang meine Körpertemperatur per Infrarot- Thermometer checkt. Das Gerät piept zustimmend, ich darf passieren! Es ist jetzt schon 26 Grad und ich setze mich auf der Terrasse, während ich darauf warte, dass man mich für den Kursbeginn aufruft.

Die Direktorin Sandra Montalto ist pünktlich um 9 Uhr da und teilt uns auf.  Die Gruppen sind klein, bei zwei der Seminare ist sogar nur jeweils eine Person angemeldet! Gedanklich vergleiche ich es mit dem Ansturm vom letzten Jahr- damals gab es allein zu meinem Kursthema drei parallellaufende Kurse, mit einer Teilnehmeranzahl von jeweils 13 bis 15 Personen. An dieser Stelle muss ich bemerken, dass ETI-Malta anscheinend keine Kurse wegen geringer Teilnehmeranzahl absagt. Respekt! Das machen wir in Deutschland oft anders.

Ich werde ganz zum Schluss zusammen mit einer anderen Teilnehmerin zu der Dozentin Judie Ibottsen eingeteilt. Ja, wir sind auch nur zu zweit! Meine Mitstreiterin entpuppt sich als Englisch-Dozentin an einer bayerischen Volkshochschule, sie arbeitet aber auch im Kindergarten. Ihr Name ist Tanja, sie ist sehr aufgeschlossen und scheint sich ebenfalls richtig auf den Kurs zu freuen. Die Vorstellungsrunde ist kreativ.

Judie hat ihren Namen in der Mitte der Tafel aufgeschrieben und hat einige Denkblasen um den Namen herum positioniert. Wir sollen erraten, in welchem Zusammenhang die dort aufgezählten Begriffe, Namen und Zahlen zu ihr stehen. So erfahren wir mehr über sie und die Stimmung ist gleichzeitig witzig und locker geworden. Judie ist eine gebürtige Britin. Wir erfahren, dass sie zwei erwachsene Kinder und auch zwei Hunde hat, seit 2003 sich dem Unterrichten endgültig gewidmet hat, obwohl sie jahrelang in einer Bank gearbeitet hatte, und sehr gern die belgischen Pralinen Leonidas mag. (Dass es eine Sorte Schokolade geben soll, die ich nicht kenne ist aber auch eine Überraschung! 😊)

Tanja und ich versuchen auch, uns auf dieser Art und Weise vorzustellen, in dem wir gegenseitig versuchen, etwas über die andere Person zu erraten. So eingeleitet springen wichtigen Themen von allein in den Vordergrund: familiäre Verhältnisse, Ethnizität, Werte, Rituale und Glauben, regionale Besonderheiten. Tanja und ich haben vollkommen unterschiedliche persönliche Hintergründe, dennoch sind wir uns in sehr vielen Dinge ähnlich, zum Beispiel die Denkweise und das innere Wertesystem.  Wir leben beide in Deutschland und sind beide durch dieses Land geprägt, dennoch bin ich in einem anderen Land aufgewachsen und selbst unsere Wohngebiete in Deutschland könnten kaum unterschiedlicher sein.

Viele individuelle persönliche Prägungen sind an der Oberfläche nicht zu erkennen, spielen jedoch eine große Rolle in jedem Lebensbereich. Wer mit Menschen arbeitet, muss das unbedingt wissen und richtig einschätzen und einordnen lernen. Judie vergleicht die menschlichen Eigenschaften einer Person mit einem Eisberg.

Man sieht immer nur einen kleinen Teil jedes Eisbergs an der Wasseroberfläche. Ganz egal wie riesig er erscheint, es sind immer nur 10-15 % seiner tatsächlichen Größe, die man sehen kann- denn der wesentliche Teil bleibt unter Wasser. Ähnlich verhält es sich mit den Menschen und ihrem Inneren. Aus den Teilen tief unter der Oberfläche entsteht die Individualität, und daraus die Diversität. Dabei kann sie mehrere Schichten bilden und von mehreren Faktoren abhängig sein, nicht nur vom Alter, Herkunft, Religion und Sprache, sondern auch von den eigenen Erfahrungen, persönlichen Eigenschaften und gelernten Umgangsformen.

Judie macht mit uns mehreren Übungen, die uns die Möglichkeit geben, über die Tiefe der Diversität nachzudenken und uns auszutauschen. So müssen wir zum Beispiel unsere Arbeitsplätze vergleichen und darüber diskutieren. Wir müssen genau über geschlechtliche Diversität nachdenken, über die Diversität der Ethnien und bei unseren Berufen. Besonders interessant finde ich die Übung, bei der wir uns unterschiedliche Charaktereigenschaften anschauen müssen und überlegen sollen, welche von Ihnen genau zu der eigenen Nation passen. Tanja wählt für die Deutschen „reserviert“, „hart-arbeitend“ und „pünktlich“. Damit wir Vergleichsbasis haben beziehe ich meine Überlegungen auf meine bulgarische Herkunft. Ich wähle „warmherzig“, „stolz“ und „lösungsorientiert“.

Wir suchen positive und negative Auswirkungen dieser Eigenschaften, denn es ist bei weitem nicht alles Gold, was glänzt! Wir versuchen festzustellen, ob die „bulgarische Eigenschaften“ sich auch auf die Deutschen beziehen können und andersrum. Aber ganz abgesehen von dem Scherz, das persönliche Eigenschaften-Set zu erweitern macht Menschen einzigartig und bedeutet inneres Wachstum. Darum ist Diversität auch eine Bereicherung.

Als Zusammenfassung des Tages vermerken wir, dass es für die Diversität und die interkulturellen Kompetenzen drei wichtige Hauptfaktoren gibt: Knowledge, Skills, Mindset/Attitudes. Mit der Ankündigung, dass wir am nächsten Tag dies aufgreifen werden und unser Fokus auf Diversität bei Migranten richten werden verabschiedet sich Judie von uns und somit endet der erste sehr spannende Tag meines Seminars.

Um 14.30 Uhr wartet am Ausgang von ETI-Malta dessen Mitarbeiter Gilbert. Er macht mit uns eine Tour durch San Gijlian und zeigt uns die wichtigsten Orte, Restaurants, Geschäfte und Freizeitmöglichkeiten, die das kleine Städtchen zu bieten hat. Und ich dachte, ich würde vom letzten Jahr alles in San Gjilian kennen- Gilbert zeigt mir einiges, das mir nicht aufgefallen war! Unter den heißen Sonnenstrahlen bei 32 Grad laufen wir über eine Stunde, bevor ich mich zum Hotel begebe. Ich ruhe mich aus bis zu den Abendstunden und gehe danach noch einmal in dem warmen Sommerabend hinaus Richtung Silema, um ein paar tolle Fotos zu machen und etwas zu essen. Es ist sehr spät, als ich zurück ins Hotel kehre. Ich bin gespannt auf den zweiten Tag!

 

Dienstag, den 14.07.2020, 2. Tag

Der zweite Tag auf Malta beginnt mit einem guten Kaffee und einer ordentlichen Portion Sonne. Bei ETI – Malta fühlt es sich für mich inzwischen total vertraut an. Das Gefühl verstärkt sich, als ich vor der Tür des Gebäudes Valerie treffe – meine Dozentin vom letzten Jahr. Ich grüße sie und frage sie, ob sie sich an mich erinnert. Valerie überlegt kurz und gibt zu, dass ihr mein Gesicht sehr bekannt vorkommt, sich jedoch nicht an meinem Namen erinnert. Als ich ihr aber verrate woher wir uns kennen reagiert sie sofort: „Yes, of course – you are from Germany!“ Also doch! Wir reden ein paar Minuten miteinander und sie wünscht mir viel Spaß in meinem neuen Kurs. „Dann ist ETI schon ein wenig wie eine Familie für dich!“, sagt sie herzlich zum Schluss. Mir wird warm ums Herz und ich eile zum Seminarraum mit einem Lächeln.

Judie empfängt uns gleich mit einem Match. Sie hat an dem interaktiven Screen einige Begriffe aufgeschrieben: Internely displaced persons, Asylum Seekers, illegal Immigrants and Migrants. Auf der anderen Seite steht das Wort „Refugees“.  Wir müssen uns überlegen was genau diese Gruppen von Menschen lernen müssen, um in einem fremden Land bleiben zu können. Integration hat mehrere Formen, und alle davon werden gebraucht.

Was ist also wichtig, um in einem fremden Land ein Leben aufzubauen und einen Neubeginn zu meistern? Die Sprache erlernen, die Regeln und Gesetze folgen und beachten, die Sitten und die Kultur kennen lernen und akzeptieren, die geographische und politische Merkmale des neuen Landes merken…

Es sind die gleichen Dinge, die jeder zum Überleben braucht, wenn er seine Heimat verlässt- und es ist dabei wirklich egal zu welcher Gruppe er gehört. Es ist auch vollkommen gleich aus welchem Land er gekommen ist. So stehen also alle fremden Menschen vor den gleichen Problemen im neuen Land. Und sie bedürfen eine Lösung, die bei jeder Person vollkommen anders ausfallen kann.

Wir bekommen eine Liste mit verschiedenen Lösungen für Probleme, die bei der Integration entstehen können. Unsere Aufgabe ist, von diesen insgesamt 18 Lösungen welche auszusuchen, die in der eigenen Institution und an der eigenen Arbeitsstelle Priorität haben. Zum Schluss sollen wir unsere Lösungen vergleichen, und sollten diese voneinander abweichen, so müssen wir darüber diskutieren und ein Kompromiss finden.

Natürlich weichen sie voneinander ab- nämlich alle! Es ist auch logisch, schon allein deshalb, weil Tanja unterrichtet und ich in dem administrativen Bereich tätig bin. Sie richtet ihren Fokus auf ganz andere Dinge. Wir haben die Möglichkeit unsere Aufgabenbereiche besser kennen zu lernen und erklären uns gegenseitig die Schwerpunkte unserer Tätigkeiten.

Die Arbeit mit Migranten und Flüchtlingen ist sehr vielfältig und erfordert besondere Kenntnisse- sowohl bei den Lehrern als auch bei den Personen, die sie bürokratisch unterstützen. Diese Kenntnisse wachsen und verändern sich mit der gesammelten Erfahrung, sie verändern auch die Sichtweise der Mitarbeiter zu einem großen Teil. Somit kehren wir wieder zu den drei wichtigsten interkulturellen Kompetenzen: Knowledge, Skills, Mindset.

Danach konzentrieren wir uns auf die Arbeit mit Flüchtlingen. Unter all den Migranten sind sie diese Gruppe von Menschen, die eine besondere Betreuung brauchen. Wir schauen uns ein Video über einige Fakten und Zahlen über Flüchtlinge an. 52% der Flüchtlinge sind Kinder. Dabei versteht sich- unter 18 Jahre alt. 360.000 davon sind über den offenen Ozean angekommen. Lediglich 3 % sind zurück in ihren Ländern gekehrt. Es gibt auch noch weitere Statistiken, und Tanja und ich überlegen gemeinsam was diese Zahlen aussagen.

Wir zählen außerdem die häufigsten Probleme auf, die sich bei den Geflüchteten bemerkbar machen:

Zum Schluss überlegen Tanja und ich welche Themen wir für unsere Präsentationen nehmen wollen- denn am Freitag sollen wir uns gegenseitig präsentieren, was wir für unsere Aufgabenbereiche von diesem Kurs mitnehmen wollen. Wir verabschieden uns von Judie und laufen schnell zum Eingang des Gebäudes, denn heute ist gleich um 14.30 Uhr die geführte Tour nach Valletta geplant.

Es sind inzwischen 33 Grad und wir begeben uns in Valletta auf der Suche nach den besten Sehenswürdigkeiten. Mario führt uns heute–  auch ihn kenne ich noch vom letzten Jahr. Freundlich, humorvoll und kompetent. Bei der glühenden Hitze führt er uns durch die Stadt und erzählt uns Wissenswertes über Malta und die Geschichte der Insel. Auch wenn ich die Tour schon kenne, ist sie immer noch interessant und informativ für mich. Nach der Führung bleibe ich noch in Valletta zum Abendessen und auch um einige wunderschöne Bilder zu schießen. Diese Stadt hat so viel zu bieten, sodass ich wieder einmal die Zeit vergesse und spät ins Hotel zurückkehre.

 

Mittwoch, den 15.07.2020, 3. Tag

Es ist schon Mittwoch, und ich bin auf den heutigen Kurstag sehr gespannt. Der Kurstag heute ist sehr gedankenintensiv und beinhaltet viele Diskussionen. Anhand von mehreren Beispielen, Bildern und Videos gehen wir immer tiefer in die Schichten der Diversität hinein. Mir wird bewusst wie vielfältig eigentlich dieses Thema ist.

Es beinhaltet nicht nur Migranten und Flüchtlinge, es betrifft auch alle Menschen, die durch etwas „anders“ sind, besondere Bedürfnisse haben oder sich durch ihre Weltanschauung von den Massen unterscheiden. Für all diese Menschen gilt es als erstes ihre Diversität zu erkennen und zu verstehen, denn nur dann kann man auch den richtigen Weg finden, um sie zu beschulen und ihnen zu helfen.

Diversität stößt nämlich in den seltenen Fällen auf Akzeptanz und richtige Förderung. Meistens wird einfach Anpassung verlangt. Diese ist aber nicht allen Menschen einfach so möglich. Wer noch nie in seiner Heimat Buchstaben gelernt hat, braucht Zeit und besondere Hilfe, um es zu lernen. Wer unter Dyskalkulie leidet, kann nicht einfach Mathe auswendig lernen. Dies erscheint logisch, in der Praxis wird es aber sehr schnell vergessen und sogar belächelt. An dieser Stelle zeigt uns Judie ein Bild.

Es ist eigentlich eine bekannte Anekdote:

Sofort wird es klar, worum es hier geht. Jeder Mensch hat unterschiedliche Stärken und Schwächen. Nicht jeder startet ins Leben mit dem gleichen Set an persönlichen Eigenschaften und Fähigkeiten, und schon gar nicht unter denselben Bedingungen. Somit kann man auch nicht das gleiche von jedem erwarten und ihn mit dem Rest einer Gruppe vergleichen. Und dies muss jedem klar sein, der in dem Bildungsbereich arbeitet. Ob in einer Geschäftsstelle bei der Einteilung und die Betreuung in den Kursen, oder als Dozent bei dem Unterrichten: man muss genau beobachten und erkennen können, ob jemand „anders“ ist- um ihm dann die richtige Hilfe anzubieten.

Damit wir ein praktisches Beispiel haben, wie es diesen Menschen ergeht, macht Judie mit uns eine kleine Übung. Tanja und ich schreiben beide mit der rechten Hand. Judie bittet uns darum, dass wir die Stifte mit der linken Hand nehmen und das aufschreiben, was sie uns diktiert. Während des Diktats gibt sie uns nebenbei andere kurze Anweisungen. Tanja und ich schaffen es kaum, 2-3 Wörter aufzuschreiben.

Man kann unser Buchstaben-Kauderwelsch nicht einmal mit viel Fantasie entziffern. Wir haben auch keine Ahnung, welche Anweisungen uns während des Diktats gegeben wurden. Wir waren so konzentriert darin etwas aufzuschreiben, dass wir uns weder die Sätze zu Ende merken konnten, die man uns diktierte, noch Acht auf die Anweisungen geben konnten.

Das Gefühl, das man dabei empfindet, wenn man gezwungen ist zuzugeben, dass man etwas nicht erledigt hat, weil man es schlicht und einfach nicht kann, ähnelt sehr physischen Bauchschmerzen. Nicht jeder ist in der Lage damit umzugehen. Manche werden aggressiv oder depressiv, demotiviert, oder verweigern das Lernen.

Meine Kurskollegin Tanja und ich vertiefen uns in der Diskussion, geleitet und angeregt von den Fragen unserer Dozentin. Judie passt sehr genau auf, und greift geschickt immer an der richtigen Stelle ein, um noch eine und noch eine Gedankenprovokation in den Raum einzuwerfen. So kommen Tanja und ich wie ganz von allein zu Schlussfolgerungen und Ideen, die unsere Diskussionen abrunden. „Aber so viel Rücksicht bringt die Welt doch niemals auf, irgendwie müssen auch Menschen, die sich von den anderen durch etwas unterscheiden auch allein vorankommen!“

Judie nimmt diesen Satz von Tanja auf und geht zu dem nächsten wichtigen Punkt der Diversität. Jeder Mensch lernt anders. Manche bevorzugen die Dinge zu sehen und speichern sie sofort in ihrem Kopf. Andere haben ein gutes Audiogedächtnis und merken sich Erzählungen besser als gelesene Texte. Manch andere lernen am besten durch Prozesse, bei denen man mit den Händen arbeiten muss. Heutzutage spricht man von unterschiedlichen Arten der menschlichen Intelligenz.

Logisch-mathematische Intelligenz

Sprachliche Intelligenz

Räumliche Intelligenz.

Musikalische Intelligenz

Kinästhetisch-körperliche Intelligenz

Intrapersonale Intelligenz

Zwischenmenschliche Intelligenz

Naturalistische Intelligenz.

 

Der Mensch hat sich daran gewöhnt sich intuitiv anders zu helfen und diese Eigenschaften zu nutzen, die stark ausgeprägt sind, um die schwächeren zu kompensieren. Wenn ich etwas nicht lesen kann, frage ich- um es zu hören. Wenn ich das Gehörte nicht sofort verstehe, hilft mir ein praktisches Beispiel. Wenn mein Vorstellungsvermögen nicht ausreicht, so verpacke ich es in einer Formel und rechne es heraus wie 2+2…

In jedem Fall geht der Weg über das eigene Kennenlernen, Akzeptieren und Erweitern. Und zwar bei jeder Seite: bei den Personen mit besonderen Bedürfnissen und bei den Menschen, die mit ihnen arbeiten. Am Ende sagt Judie etwas dazu, das ich seit längerem denke und schon mehrfach drüber selbst diskutiert habe: es ist nicht die Integration allein, die dringend notwendig ist. Es ist die Inklusion, die gebraucht wird. Dass jemand sich integriert, bedeutet sich an etwas anzupassen, und zwar so wie es ist.

Einen Menschen in einer Gesellschaft zu inkludieren wäre aber der entgegenkommende Schritt: diesem Menschen die Möglichkeit zu geben ein Teil der Gesellschaft zu sein und ihn mit einzubeziehen; nicht nur seine Integration zu verlangen, sondern im Gegenzug seine Besonderheiten zu akzeptieren und ihn mit ihnen ein Teil der Gesellschaft sein zu lassen.

Und das ist es- irgendwie fehlt mir die Inklusion an allen Stellen. Denn wenn wir darauf bestehen, dass wir als Mehrheit nichts tun brauchen, und nur die einzelnen sich bemühen müssen, um zu uns zu gehören- dann sind wir eine Gesellschaft, die Diversität in allen ihrer Formen ausgrenzt, anstatt uns durch diese selbst zu entwickeln!

Unser Kurstag endet mit einer kleinen Übung, bei der wir selbst für uns herausfinden sollen, welche Art von Intelligenz bei uns am stärksten ausgeprägt ist. Natürlich bin ich rundum intelligent, was ist das bitte für eine Übung!? Ah, Moment, so genau gesehen sollte ich ein paar Abstriche für meine manchmal etwas fragwürdige Grobmotorik einplanen… Oh, und ich liebe die Natur, aber ich brauche einen geschützten Raum, um mich zum Arbeiten und Lernen zu konzentrieren, ohne Geräusche, nicht einmal die der Natur! Und, ah ja – wenn ich es genau überlege, zusammen mit anderen Menschen in einem Raum kann ich doch überhaupt nicht lernen…

Diversität erfordert Ehrlichkeit zu sich selbst. Bedingungslos. Und die Konfrontation mit seinen eigenen Fähigkeiten, aber auch Schwächen, ist immer ein längerer Prozess.

Der Kurstag vergeht wie im Flug. Tanja und ich wollten schon gestern die bedeutende St. John’s Co-Cathedral in Valletta sehen, sie war aber geschlossen. Heute haben wir uns extra ein Taxi organisiert, das pünktlich nach dem Unterricht auf uns wartet. Wie konnte ich im letzten Jahr diese Kathedrale bei meiner „Sehenswürdigkeiten-Jagd“ überspringen? Ich bin sehr froh, dass ich sie dieses Mal sehe. Ein gewaltiges Bauwerk, und zwar nicht nur deshalb, weil Carravagio höchstpersönlich sein einziges signiertes Meisterwerk an der Wand gezaubert hat! Die ganze Kathedrale ist unglaublich reich verziert und bemalt, so dass man beim Betrachten sogar zu atmen vergisst.

Ich nehme mir richtig Zeit, um mir alle Details anzusehen. Und da ich schon seit Montag ständig bis spät in der Nacht unterwegs bin, und morgen die Tour nach M’dina geplant ist, entscheide ich mich für den heutigen späten Nachmittag bzw. frühen Abend einfach am Strand und im Meer zu entspannen. Später am Abend arbeite ich an meiner Präsentation- und hoffe, dass der vierte Kurstag mir noch mehr Input dafür geben kann.

 

Malta, den 16.07.202, Tag 4

Ich wache auf und muss überraschend feststellen, dass es schon Donnerstag ist. Ich habe nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen ist – der Kurs ist äußerst interessant und absolut nach meinem Geschmack. Um kurz vor 9. 00 Uhr stehe ich schon an der Tür unseres Seminarraums. Es wundert mich nicht, dass der interaktive Bildschirm schon eingeschaltet ist und die Unterlagen auf dem Tisch liegen- die Dozenten der ETI-Malta sind immer vor den Teilnehmern da und haben alles Wichtige vorab erledigt, um Zeit zu sparen.

Judie startet unseren Unterricht mit einem Songtext. Ich kenne den Song nicht, aber für mich ist der Text die Botschaft einer Person, die sich danach sehnt, etwas mehr Ruhe und Zeit allein für sich zu haben. Das erinnert uns daran, dass menschliche Bedürfnisse oft unterschätzt werden, auch die eigenen.

Das Gefühl, Zeit allein für sich zu benötigen und niemanden in solchen Momenten an sich ran zu lassen ist auch eine besondere Form der Diversität. Hier besteht die Inklusion darin, die Menschen so in einer Gruppe zu lassen, wie sie sind- eben mit dem Bedürfnis etwas auf Distanz zu blieben.

Es geht um das Einhalten der Distanz, die Menschen manchmal mit Absicht aufbauen. Die gestellten Grenzen sollten erkannt und diese vorerst nicht überquert werden. Auch in der Bildung, oder besonders darin, werden solche Grenzen manchmal nicht erkannt. Es hilft niemandem, wenn man mit aller Kraft und über den Wunsch der Schüler hinaus versucht, ihm vermeintlich „zu seinem Besten“ in einer Gesellschaft zu integrieren.

Schüler oder Kursteilnehmer mit auffälligem Verhalten, oder einfach Menschen aus anderen Kulturen gehen manchmal ihre eigenen Wege und selbst bei einem Hilfeversuch blocken sie ab und bleiben unnahbar. Die Akzeptanz und der Respekt vor den gestellten Grenzen, selbst dann, wenn der Lehrer oder der Dozent zum Rest der Gruppe ein enges Verhältnis aufgebaut hat, stehen hier an erster Stelle.

Aus diesem Anlass heraus zeigt uns Judie die Seite des SEMPRE-Projekts der Universität in Latvia. SEMPRE ist ein Projekt, das Menschen mit besonderen Bedürfnissen unterstützt und ihnen unter anderem auch die Möglichkeit gibt, sich in bestimmten Fakultäten einzuschreiben, wo das Lernen so aufgebaut ist, dass sie zum einen genug in sozialen Projekten involviert sind, aber gleichzeitig auch „ihre Ruhe“ haben können.

Weiter unten auf der Seite des SEMPRE-Projekts sehe ich, dass sie in Europa mehrere lokale Netzwerke haben, einige davon in Deutschland. Ich lese da Nordfriesland, Plön, und – wie jetzt, Dithmarschen? Das ist ja wirklich bei uns in Tornesch „um die Ecke!“ So ein wenig stolz bin ich schon, dass wir in Schleswig-Holstein uns mit diesem Projekt so aktiv befassen und es unterstützen!

Weniger stolz bin ich eigentlich darauf, dass ich es nicht wusste. Es ist aber eine gute Information, denn ich kann mir gut vorstellen, dass auch Teilnehmer unserer Volkshochschule davon profitieren können, sobald sie etwas besser mit der deutschen Sprache fortgeschritten sind.

Flüchtig gesehen stelle ich fest, dass in Dithmarschen viele Möglichkeiten für Menschen mit Belastungen bietet, und anscheinend nicht nur ihnen. Ich mache mir die Notiz, mir das zu Hause in Ruhe mal genauer anzusehen und festzustellen, was genau dort gemacht wird. Tolle Sache!

Wir unterhalten uns kurz über die Körpersprache der Menschen und die Fähigkeiten, ihre Signale richtig zu lesen. Die Körpersprache kann Dozenten und Lehrern helfen das Verhalten ihrer Schüler besser zu verstehen. Grundsätzlich sind hier die Kompetenzen der Dozenten nicht nur in ihrem Fach angesprochen, sondern ihre pädagogischen und menschlichen Skills.

Wir machen einige Übungen, die uns erlauben, Signale zu deuten und mit den damit gesendeten Botschaften umzugehen. Dabei geht es nicht nur darum, auf die Teilnehmer eines Kurses richtig einzugehen, sondern auch als Dozent seine eigenen Grenzen zu setzen, denn während des Unterrichtens ist ein Dozent an vielen Stellen gefordert und muss verschiedene Situationen meistern.

Der Sinn für die Körpersprache und die durch sie gesendeten Signale zu entwickeln hilft auch dem Dozenten sich in bestimmten Situationen besser einzufinden, Teilnehmer zu unterstützen und dabei selbst den richtigen Weg aus diesen Situationen zu finden.

Das erleichtert das Unterrichten mit Sicherheit, aber auch im Büro, bei dem Umgang mit neuen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, kann mir das eine große Hilfe sein, mehr Acht darauf zu geben. Denn, egal woher die Leute kommen, eine Sprache sprechen wir alle gemeinsam- diese des Körpers und seiner Haltung. Wir konzentrieren uns weiterhin auf dieses Thema, machen schriftliche Übungen darüber und diskutieren. Tanja erzählt einige Erfahrungen aus der eigenen Praxis als Lehrerin.

Am Nachmittag arbeiten wir ein wenig an unserer Präsentation. Judie hilft uns manchmal und gibt uns auch die Möglichkeit, ihr Fragen zu stellen. Sie ist eine sehr aufmerksame Zuhörerin.

Nach dem Unterricht geht’s direkt weiter mit der Tour nach M’dina. Obwohl mir auch diese Tour schon bekannt ist, ist M’dina immer wieder sehenswert. Ich erinnere mich daran, dass ich schon im letzten Jahr so fasziniert von der „Stillen Stadt“ war, dass ich am nächsten Tag direkt nach der Führung noch einmal dorthin gefahren war. Man hat dort wirklich das Gefühl, dass die Zeit stehen geblieben ist. Die Gassen sind fast leer, bis auf unsere Gruppe. Nur hinter den halb geöffneten, schweren, wunderschönen Holztüren der sandfarbenen Gebäude sieht man hier und da, dass irgendwo noch Leben ist. Es ist faszinierend, da es auf mich wie eine in einer anderen Dimension versteckte Welt erscheint.

Wir beenden unsere Tour in dem tollen Café „Fontanelle“, in dem es einen großen Stück Kuchen und einen Mokka-Kaffee für mich gibt. Wir kehren am frühen Abend zurück nach San Gjilian, und später mache ich noch einen Ausflug nach Silema, um etwas bei den tollen, dicht bewachsen mit blühenden Oleandern Buchten spazieren zu gehen und zu entspannen. Morgen wird eine Präsentation gehalten- da bin ich sogar fast schon aufgeregt!

 

Malta, den 17.07.2020, Tag 5.

Der letzte Kurstag in Malta startet früh- ich möchte mir schnell noch die Präsentation ein letztes Mal angucken. Außerdem hatten wir noch eine kleine Hausaufgabe von Judie bekommen, die ich genau wie in den Schulzeiten absolut stressfrei in dem allerletzten Moment noch erledige 😊. Um 9 Uhr geht’s schon rüber zu ETI-Malta, und Judie erwartet uns in dem Raum.

Sie gibt uns die Möglichkeit noch ein wenig an den Präsentationen zu arbeiten und erzählt uns von dem neuen Kurs, der bei ETI angeboten wird: Discover Malta. Es ist ein zweiwöchiger Kurs, der zum einen zur Übung der englischen Sprache dient, zum anderen aber Malta sehr intensiv kulturell, geschichtlich und kulinarisch präsentiert und den Menschen nahebringt. Tolle Sache, das behalte ich mal im Hinterkopf!

Dann kommt die Zeit, dass Tanja und ich unsere Präsentationen zeigen. Ich darf starten und erzähle zuerst Tanja und Judie wer wir in Tornesch sind und was wir genau machen. Selbstverständlich zeige ich auch den kleinen Image-Film über die Volkshochschule Tornesch-Uetersen, den wir vor zwei Jahren zu unserem Jubiläum haben drehen lassen.

Judie und Tanja gefällt er sehr gut, sie äußern ihre Begeisterung über die gewählten Szenen und die dazu passende Musik. Beide stellen viele Fragen zu unseren Kursen und sind sehr überrascht, dass in so einem kleinen Ort wie Tornesch (ich hatte es auf der Karte gezeigt- zentral in den Feldern gelegen, mit Hamburg als Vorort😊) ein so vielfältiges Kursangebot entstanden ist und dieses auch angenommen wird. Knapp 2500 Kilometer von zu Hause fühle ich mich ganz schön stolz auf unsere kleine, aber moderne, innovative und bunte Volkshochschule!

Danach präsentiere ich das von mir ausgesuchte Thema des Kurses. Aus meiner Sicht ist es eindeutig der Unterschied zwischen Integration und Inklusion, und meiner Meinung nach dürfen diese zwei Begriffe nicht getrennt werden, denn ohne den anderen kann keiner der beiden wirklich funktionieren. Man sollte sie also wie ein Paar Schuhe betrachten- man kommt nicht weiter nur mit einem davon!

In meiner Präsentation bin ich auf die Unterschiede zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit (equality and equity) eingegangen und warum die individuelle Unterstützung von Teilnehmern unter Beachtung der persönlichen Eigenschaften, familiären Gegebenheiten und den eigenen Zielen deutlich mehr Sinn macht.

Dabei ist wichtig, dass die Dozenten Kenntnisse über die Arten von Intelligenz (multiple intelligence) besitzen, damit sie diese dann bei den einzelnen Teilnehmern erkennen und fördern können. Und es ist wichtig, sich diese Zeit zu nehmen, denn diese wird später mit Sicherheit an anderen Stellen im Lernprozess erspart. Auch die interkulturellen Kompetenzen sollen erweitert werden, denn es ist sehr hilfreich zu wissen, wie sich die Kultur der Teilnehmer auf ihre Lernstrategie ausgewirkt hat, was in dieser Kultur üblich ist und welche Begriffe des Lernprozesses bereits bekannt sind.

Man kann sich dann Gedanken um alternative Lernstrategien machen und diese unterstützen, um das Hauptziel zu erreichen: eine gute Beherrschung der deutschen Sprache, die Integration in der deutschen Gesellschaft neben dem Erhalt der eigenen Kultur und die Inklusion durch das eigene neu gebildete Umfeld.

Nach mir ist Tanja dran. Sie hat ein komplett anderes Thema gewählt. So kann man sehen, wie unterschiedlich die Sichtperspektiven der Menschen sind und das ist gut so, denn jeder nimmt für sich das mit, was für seine Arbeit wichtig ist. Für Tanja als Englisch-Dozentin ist sehr wichtig bei den Teilnehmern unterscheiden zu können, welche Hintergründe sie haben, um ihnen das richtige Vokabular bieten zu können.

Sie geht auch auf die Unterschiede zwischen Migranten, Asylanten, Flüchtlinge, Gastarbeiter und deutsche Bürger, die dennoch eine Beschulung in ihrer eigenen, oder einer fremden Sprache brauchen, ein. Ihr ist während des Kurses bewusst geworden, dass selbst bei Menschen mit der gleichen Herkunft es vollkommen unterschiedliche Gründe der Migration geben kann.

Wenn Personen aus einem Land kommen, in dem Krieg herrscht, so nimmt man automatisch an, sie seien nur aufgrund der Gefahr nach Deutschland gekommen, was auch zu einem großen Teil richtig ist. Dennoch ist dies nicht immer der Fall, und die automatische Zuordnung eines Menschen nur aufgrund seiner Herkunft kann oft Schwierigkeiten bereiten, um ihn richtig zu beschulen und um sein Lernziel dabei zu erkennen. Tanja macht uns mit einem konkreten Fall einer jungen Frau aus Äthiopien bekannt.

Ihre Präsentation ist sehr interessant und bietet eine ganz andere Sicht auf das Gelernte in diesem Kurs. Auch eine sehr konkrete und konstruktive Einschätzung der eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten hat Tanja von diesem Kurs mitgenommen. Als Dozentin ist es sehr wichtig für sie, sich selbst dabei nicht aus den Augen zu lassen und sich über die eigenen Methoden und Strategien des Unterrichtens bewusst zu sein. Auch wenn ich nicht unterrichte, kann ich mich dem nur anschließen.

Ein so intensiver Kurs über Menschen und ihre Individualitäten soll immer Erkenntnisse auch über einen selbst bringen. Man kann keine neuen Projekte und Prozesse entwickeln, wenn man sich selbst nicht positiv kritisch betrachtet und sich dabei selbst entwickelt. Darüber sind wir uns alle drei einig.

So geht der letzte Tag unseres Kurses zu Ende und Tanja und ich erhalten unsere Zertifikate. Ich muss an dieser Stelle ein großes Lob an ETI-Malta aussprechen. Auch dieses Mal, unter den besonderen Bedingungen der Corona-Pandemie, waren sie bestens organisiert und vorbereitet, aber auch offen für jeden Teilnehmer und immer bestens gelaunt. Jedes Mal, wenn wir etwas gebraucht haben, wurde es mit einem Lächeln erledigt und angeboten. Jedes Mal haben wir uns willkommen und gut betreut gefühlt. Ich muss einfach so direkt sagen- sie sind auf Arbeit mit Menschen ausgerichtet: sie sind flexibel und kundenorientiert, und machen einen wirklich guten Job! Dieses Feedback habe ich ihnen auch sehr gern gegeben!

Am Nachmittag fahre ich zu der Nebeninsel Gozo. Ich erinnere mich noch viel zu gut an den wunderschönen Ort, an dem früher das ins Meer gestürzte Naturphänomen Azure Window stand und will noch einmal dorthin. Die Überfahrt nach Gozo und zurück geht genauso unkompliziert wie im letzten Jahr. Wieder einmal bin ich zutiefst beeindruckt von der einzigartigen Atmosphäre dieses Ortes, er wirkt nach wie vor magisch auf mich.

Dieses Mal halte ich mich länger auf Gozo auf, da ich nun weiß, dass die Fähre zurück zur Hauptinsel bis Mitternacht alle halbe Stunde fährt. Ich schaffe es, mehrere Fotos von Gozo bei Dämmerung zu machen, und genieße die Überfahrt zurück in voller Dunkelheit aufs Meer.

An dem nächsten Tag, den ich mir extra auf Malta eingeplant habe, werde ich noch die Blaue Grotte besuchen, um dort zu schwimmen, sowie einer der Three Cities- Birgu, denn von dort aus hat man mir eine herrliche Aussicht zu Valletta versprochen. Am Sonntag geht es dann zurück nach Deutschland.

Und nun blicke ich zurück auf diese Woche und stelle fest, dass ich auch dieses Mal wirklich großes Glück hatte. Ich hatte wieder einmal eine sehr einfühlsame, kompetente und zugewandte Dozentin mit viel Erfahrung. So fühlte ich mich in diesem Kurs in jeder einzelnen Minute beschäftigt, gefordert, gefördert… willkommen!

Ich hatte auch großes Glück mit Tanja, denn wir haben uns wirklich wunderbar ergänzt, uns gegenseitig immer den richtigen Gedankenanstoß gegeben und noch dazu wahnsinnig viel gelacht und Spaß gehabt. Auch für die Anwendung der englischen Sprache war es perfekt- denn, wenn einer von uns mal das richtige Wörtchen fehlte, so wusste die andere es meistens sofort.

Ja, zugegeben- mir passierte es definitiv öfter als Tanja, aber was für ein großes Privileg ist das, in einem so tiefgründigen und gedankenintensiven Kurs mit einem so speziellen Vokabular eine so kompetente Englisch-Dozentin neben sich zu haben- und dazu noch so offen und lustig!

Dass wir nur zu zweit in diesem Kurs waren, war ebenfalls ein großes Glück- wir hatten unsere Dozentin komplett für uns.  Der Kurs selbst war genau das, was ich in meiner Tätigkeit benötige. Er war wie dafür zugeschnitten und hat mir mehr gegeben, als ich mir erhofft habe. Ich kann nur jedem, der danach fragt, mit gutem Gewissen sagen: mach das bloß!

Es ist immer anders, es ist in jeder Hinsicht ein großes Glück, und es ist gemeinsam für alle, und doch so individuell- weil Diversität der Kern der Welt ist und jeder von uns dazu gehört, wie er ist!

 

 

 

 

 

 

Florenz: Designing inclusive learning environments to support all students

von K. S.

10.-16. Februar 2020

Ankunft: Vom grauen Norden ins Lern- und Lebensparadies

Grau, matschig, nasskalt: Der Februar ist so ziemlich das scheußlichste, was Norddeutschland zu bieten hat. Gut, dass ich weg darf. Eine Woche nach Florenz. Und dabei (wichtig fürs gute Gewissen) auch noch was lernen: 5 Tage an der Lehrerakademie Europass, Thema „Designing inclusive learning environments to support all students“. Etwas sperrig, zugegeben. Es geht darum, für alle Teilnehmer eine Umgebung zu schaffen, in der sie die zu ihnen passenden Räume, Methoden und Möglichkeiten finden, um erfolgreich zu lernen. 5 Tage? Da hänge ich doch gern noch was vorn dran und fahre einen Tag früher los. Oder besser: fast zwei.

Denn aus Gründen des CO2-Fußabdrucks und der Entschleunigung habe ich mich dazu entschieden, die rund 1300 Kilometer per Bahn zu überwinden. Und das dauert eben etwas länger. Wer es zeitlich einrichten kann und bereit ist, eine Übernachtung mehr zu bezahlen (die wird übrigens ebenfalls bezuschusst), sollte sich vor Beginn des Seminars unbedingt auch einen Tag mehr gönnen. Um richtig anzukommen, die Umgebung zu erkunden, vielleicht schon mal den Weg zum Schulungsort abzulaufen.

Genau das tue ich nach meiner Ankunft am Samstagmorgen. Ankommen. Heißt: Per pedes zu meinem Zuhause der nächsten Woche. Am Rande der Altstadt nördlich des Doms. Da bekommt man gleich ein Gefühl für die Stadt. Laut. Schön laut. Menschen reden, mit oder ohne Handy, laufen (weil häufig zu wenig Platz auf den Bürgersteigen ist) auf der Straße. Autos, Busse, Roller, Räder, Fußgänger – alles wird in geschmeidig flexiblem Slalomstil umkurvt. Dazu scheint die Sonne. Ich liebe es! Meine Gastgeberin, entschuldigt sich direkt beim Türöffnen wortreich für ihren Aufzug. „Es ist Wochenende, da bin ich den ganzen Tag im Bademantel.“

Klar. Warum auch nicht? Die Signora lebt allein in ihrer etwas übermöblierten 5-Zimmer-Wohnung. Ich habe ein Zimmer mit Doppelbett und ein Bad für mich allein – und auch fast die ganze Wohnung. Denn Signora geht gern zum Bridge spielen aus. Oder bleibt in ihrem Schlafzimmer und gibt sich via TV und Tablet das volle Nachrichtenprogramm. Ich fühle mich gleich a casa.

Und was nun tun mit so viel Freizeit? Na, zum Beispiel touristische Trampelfade verlassen und durch enge Seitengassen lustwandeln. Hinter jeder Ecke wartet ein neues kleines oder großes Wow-Erlebnis. Und verhungern muss hier auch keiner. Tipp: In der Via dei Servi (geht ab vom Dom Richtung Nordosten) befinden sich viele kleine, bodenständige Restaurants, die italienische Hausmannskost zu fairen Preisen bieten. Auch zu empfehlen ist eine Busfahrt nach Fiesole (Linie 7).

Ein Busticket kostet 1,50 Euro, kann in „Sale & Tabacchi“-Läden oder – so vorhanden – am Automaten gekauft werden und gilt 90 Minuten. In dieser Zeit kann man unbegrenzt oft mit Bus und Tram hin und herfahren. Achtung! Nach dem Einstieg sofort das Ticket abstempeln. Maschinen dafür gibt es in jedem Bus. Wer das Stempeln vergisst, fährt schwarz!

Der Ort liegt in den Hügeln nördlich von Florenz. Hier oben gibt es viel Ausblick, ein paar kleine Geschäfte und Bars, einen Wochenmarkt und ein kleines Franziskaner-Kloster. Wer zu Fuß zurück in die Stadt laufen möchte: Der Weg ist ausgeschildert, bis ins Zentrum braucht man circa 1 Stunde. Jetzt ist es aber mal genug mit Erholungsprogramm. Schließlich bin ich zum Arbeiten hier.

 

Montag, 10.2.2020: Wer bist du und was machen wir hier?

Raus aus der Haustür, geradeaus, links, rechts – da ist er schon: Der erste Blick des Tages auf den Dom von Florenz. Schön. Und sehr motivierend. Nach etwa 10 weiteren Minuten bequemen Fußmarsches bin ich schon bei Europass. Die Lehrer-Akademie belegt den gesamten 2. Stock eines Renaissance-Palazzo. 63 Steinstufen hoch, linker Eingang, rechts zum Empfang, weiter durch einen schmalen Gang, erste Tür rechts. Klingt verwirrend. Ist es die ersten paar Male auch. Aber dann wird’s.

Unser Arbeitsplatz der nächsten Vormittage ist circa rund 21 qm klein, vanillegelb getünchte Wände, Flachbildschirm, 2 Whiteboards und Balkon mit Blick in den Innenhof. Seminarleiterin Lise Lott aus Schweden, die sich im Ausland lieber Lisa nennt (sprechen Sie „Lise-Lott“ mal auf Englisch aus, dann wissen Sie warum), habe ich schon via Mail kennengelernt. Und jetzt in echt. Sehr sympathisch. Die übrigen Teilnehmerinnen auch. Ja, genau. Wir sind eine reine Frauentruppe und nur zu fünft: eine Gruppe von drei Psychologinnen aus Portugal und eine Psychologin aus Spanien. Alle vier arbeiten als Beraterinnen an Regelschulen.

Na, da bin ich ja gut aufgehoben! Für Kaffee, Tee, Wasser und Kekse ist gesorgt. Dazu gibt’s eine geballte Ladung Infos: WiFi-Passwort, Wochenplan (sehr flexibel nach unseren Bedürfnissen), optionales Ausflugsprogramm (2 Stadtspaziergängen am Nachmittag, 1 Tagesausflug am Samstag) und natürlich Sightseeing-Tipps. Dermaßen gut versorgt, geht’s los mit Vorstellungsrunden: Zuerst mal ein Namensschild aus Papier basteln (mit Namen, Arbeit, Landesflagge, aktuelle Gefühlslage).

Besonders gefällt mir eine weitere Idee, die sich auch für den Unterricht eignet – zum Kennenlernen, aber auch um Hausaufgaben oder neue Lerninhalte abzufragen: Jeder schreibt drei Aussagen zu sich selbst auf. Zwei sind richtig, eine ist falsch. Im Anschluss muss eine andere Person raten, welche Info gelogen ist. Dabei kommt heraus: Dozentin Lisa hat den schwarzen Gürtel in Karate – Respekt! Und in den Arbeitsanweisungen für uns versteckt sich auch schon der nächste Praxis-Tipp: Schlüsselwörter sind unterstrichen und bebildert. Wo möglich kann man an einem Gegenstand beispielhaft vormachen, was zu tun ist, beim Namensschild etwa das Papier falten.

So werden gleich mehrere Kanäle angesprochen. Jetzt geht es an die Inhalte: Probleme, mit denen Teilnehmer beim Lernen zu kämpfen haben könnten, den Unterschied zwischen dem medizinischen und dem sozialen Denkmodel und was genau inklusives Lernen bedeutet. Dazu gehört auch das Universal Design for Learning (UDL) – heißt: jeder wird entsprechend seines Niveaus, seiner Stärken, Interessen und Bedürfnisse in einer wertschätzenden Atmosphäre zum Lernen motiviert. Und dass nach den 3 Prinzipien, nach denen auch unser Gehirn beim Lernen arbeitet: Was? Wie? Warum? Und schon ist der erste Seminartag (immerhin 5 Stunden, nur unterbrochen von zwei 15- Minuten-Pausen!) um.

Mit vollem – und zugleich irgendwie wattig leerem – Kopf geht’s auf Nahrungssuche (das ist in dieser Stadt nun wirklich keine Herausforderung) und dann ab nach Hause. Denn – das ist auch noch schön, wenn man so ganz allein unterwegs ist – man kann sich einfach mal hinlegen und schlafen. Batterie auftanken. Voll fit geht’s danach weiter, 500 Jahre alte Pflastersteine treten und die Stadt genießen.

Dienstag, 11.2.2020: Alle kriegen das Gleiche – das ist nicht fair!

Um Punkt 9 Uhr sind heute alle da. Hochmotiviert für die zweite Runde. Nach einer kurzen gemeinsamen Zusammenfassung des gestrigen Stoffs geht’s weiter mit Diversity. Was bedeutet das? Und warum ist es so wichtig? Gute Idee für den eigenen Unterricht:

In einer Kleingruppe von 2 bis 3 Teilnehmern (TN) schreiben wir unsere Stichpunkte an eine Seite eines DIN A4-Papiers und besprechen anschließend, auf welche Aussagen wir uns einigen können. Die notieren wir in der Mitte. Wie können wir aber nun mit all diesen Verschiedenheiten umgehen? Wichtig ist erst einmal zu begreifen, dass es keinen Sinn macht, allen Lernern mit ihren unterschiedlichen Voraussetzungen das gleiche zu geben.

Man muss jedem erst den Zugang zu allen Möglichkeiten geben, (Equity = Fairness), bevor Gleichheit (Equalitiy) entstehen kann. Einleuchtend. Und trotzdem fällt es im alltäglichen Unterricht immer wieder schwer. Die Frage ist also: Wie? Dafür muss man erst einmal wissen, welcher Schüler welche Probleme beim Lernen hat und warum.

Wir gehen einige Diagnosen durch, die mit Lernschwierigkeiten einhergehen: AD(H)S, DCD (Developmental Coordination Disorder), Asperger Syndrom, der leichtesten Form von Autismus. Welche Anzeichen und spezifischen Probleme gibt es? Wie können Lehrer und Assistenten helfen? Welche Strategien kann der Schüler (etwa bei impulsiven Wutausbrüchen) selbst anwenden? Tolle Idee: Lisa zeigt uns zu jeder Diagnose einen Film aus Sicht eines Betroffenen (alle frei auf YouTube verfügbar).

Als kleine Aktivität zum Tagesabschluss gibt’s noch ein Brainstorming. Wann und warum kann ich selbst eigentlich gut lernen? Erst notieren wir jeder alleine Stichpunkte, dann sammeln wir im Plenum. Plus Fragebogen: visuell – auditiv – taktil – welcher Lerntyp bin ich? Das Ergebnis: Jede von uns lernt anders gut. Und das ist bei unseren Teilnehmern ganz genauso.

Da heute noch die erste von zwei Stadtführungen auf dem Programm steht, entlässt uns Lisa ein wenig früher. Gemeinsam geht unsere Damenrunde zum Mittag in eine der diversen Pizzerien in der Nähe. Wir essen draußen auf der Terrasse. Im Februar! Gegen 15 Uhr treffen wir Kunsthistorikerin Jasmine und Teilnehmer aus den parallel laufenden Europass-Kursen und laufen in Richtung Basilika San Lorenzo (Kapelle inklusive Grabstellen der berühmten Medici-Familie), weiter zur Villa Medici, zum Dom Santa Maria dei Fiori und Palazzo Vecchio bis zum Arno. Jasmine sprudelt geradezu über mit Infos und Details. Auf Englisch mit italienischer Gestik. Super interessant. Nur blöd, dass man das meiste doch wieder ziemlich schnell vergisst.

Mittwoch, 12.2.2020: Motivier mich – aber wie?

Wir starten direkt mit einer Aktion: Board Race! Frage: Was motiviert Teilnehmer zu lernen? Jeder macht sich 2 Minuten lang Notizen, dann stellen wir uns in 2 Gruppen in einer Reihe auf, die erste Person in jeder Reihe bekommt einen Stift in die Hand. Auf „Los!“ haben wir 5 Minuten Zeit, unsere Stichworte eine nach der anderen an je ein Whiteboard zu schreiben.

Bei nur 2 Leuten (Andreia und ich) natürlich abwechselnd. Kann man machen, um vorhandenes Wissen zu aktivieren – auch als Wettkampf. Gute Idee! Das nächste Zauberwort in Sachen Motivation heißt „choice“.

Wer selbst auswählen kann, welche Aufgabe er in welchem Rahmen wie bearbeitet, geht mit viel mehr Elan an die Sache. Wobei die Auswahlmöglichkeiten beispielsweise bei einer Person mit AD(H)S klarer und übersichtlicher sein müsste, eben abhängig vom Lerner und seinen jeweiligen Fähigkeiten und Bedürfnissen. Auch hierzu zeigt uns Lisa einen Film aus der Reihe „The 6 C’s – choice, communication, collaboration, critical thinking, care, creativity“ – danach möchte man am liebsten selber gleich loslegen. Anknüpfend an gestern geht’s zurück zu weiteren Diagnosen, charakteristischen Problemen und Hilfsstrategien: Tourette und OCD (Obsessive Compulsive Disorder).

Auch ungeheuer wichtiges Thema: Hochbegabte Kinder – wie kann ich hier zusätzlich fordern und mit Stoff versorgen? Und welche Strategien helfen bei Dyskalkulie und Dyslexie. Auch hier zeigt Lisa zu einzelnen Diagnosen Filme auf YouTube, die den Lebensalltag jeweils eines oder einer Betroffenen zeigen. Solche Filme sind absolut sehenswert und machen verständlicher, mit welchen zum Teil einfachen Mitteln sich die Lernsituation verbessern lässt.

Ein Beispiel: Menschen mit Dyskalkulie haben unter anderem große Schwierigkeiten damit, einen Zeitraum zu überblicken. Eine Sanduhr mit farbigem Sand zusätzlich zu einer Digital- und einer Analog-Uhr macht die noch vorhandene Zeit (beispielsweise bis zum Ende einer Übung oder des Unterrichts) sichtbar.

Egal, welche Menschen aus welchem Grund zusammenkommen: Um sich wohl zu fühlen und gemeinsam gut arbeiten und lernen zu können, braucht es Vertrauen, Kooperationsbereitschaft, verlässliche und verständliche Kommunikation und Zusammengehörigkeitsgefühl. Teambuilding ist angesagt. Dafür gibt es viele wunderbare Spielideen im Internet, z. B. mit Hulahoop-Reifen. Lisa zeigt uns einige und lässt uns dann selber ran.

Aus 20 Spaghetti, 1 m Klebeband, 1 m Schnur und einem Marshmallow sollen wir als 3er und 2er Team in 20 Minuten einen möglichst hohen Turm bauen. Meine Teamkollegin Ana und ich kämpfen mit verschärften Mitteln, da sie kaum Englisch und ich kein Portugiesisch spreche. „Man kann das auch noch verschärfen, indem in einem Team einer nicht sprechen und einer nur eine Hand benutzen darf“, schmunzelt Lisa. Nein danke! Ich verzweifle schon so. Spaß macht’s trotzdem – und erst ganz kurz vor Schluss, bricht er dann doch noch zusammen, unser Marshmallow-Turm. Lustig! Und zur Gruppenstärkung hat die Aktion auf jeden Fall beigetragen.

Am Nachmittag gönne ich mir die Basilika di San Lorenzo mit Besuch der Krypta. Dort ruht Cosimo der Alte (nicht zu verwechseln mit seinem Urururenkel Cosimo I., der rund 200 Jahre später lebte), dessen Sarkophag – Achtung, sehr bedeutungsschwanger – als Sockel einer Säule dient die das Kirchenschiff zu tragen scheint.

Für eine Extra-Portion Geschichte gehe ich noch in das Museo de Medici in der Via dei Servi (genau, die mit den vielen netten Restaurants). Klein, fein und einsam. Ich bin an diesem Nachmittag die einzige Besucherin. Und erhalte dank eines an die Wand projizierten Stammbaums endlich einen guten Überblick über 400 Jahre Familiengeschichte. Grazie!

Donnerstag, 13.2.2020: Eine Frage des Stils: Viele Wege zum selben Ziel

Nun haben wir schon drei Tage lang so dermaßen viel Wissenswertes zu hören, zu sehen und zu fühlen bekommen – und nun geht es eigentlich erst ans Eingemachte. Zumindest für mich, Daz-Dozentin in Integrationskursen mit Alphabetisierung. Das Thema heute: Zweitsprachen-Lerner.

Erstmal sammeln: Welche Probleme können Menschen haben, die eine neue Sprache lernen oder sogar lernen müssen? Und was kann helfen? Dazu gibt’s wieder ein Papier mit tollen Ideen und Tipps. Zum Beispiel das VENN Diagramm. Es besteht aus zwei (oder auch drei) Kreisen, die sich in der Mitte überschneiden. Mit dieser Methode lassen sich zum Beispiel Dinge und ihre Eigenschaften vergleichen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennen und visualisieren.

Und ein solches Diagramm gibt dazu noch einen guten Sprechanlass. Konkret am Beispiel Zitrone und Banane: Die Unterschiede (sauer, saftig – süß, weich) kommen in die Kreise, die Übereinstimmungen (Frucht, gelb) in die Schnittmenge. Nicht verstanden? Dann gibt’s auch hierzu tolle Filme auf YouTube, Stichwort „venn diagramm“.

Haben wir es verstanden? Um das zu checken, dürfen wir jetzt ran und ein paar Dinge über uns notieren: Herkunftsland, Sprachen, Berufe, Eigenschaften, Interessen und einen Traum. Im Gespräch, bei dem wir gemeinsam die Felder ausfüllen, stellen Lorena (die psychologische Schulberaterin aus Andalusien) und ich viele Gemeinsamkeiten fest (wir lesen, reisen und lernen gern etwas über andere Kulturen). Zum besseren Kennenlernen sind VENN Diagramme also auch noch gut.

Weiter geht es mit verschiedenen Möglichkeiten, neu erworbenes Wissen abzufragen. Und zwar über die gewohnten Tests und Klausuren hinaus. Die Teilnehmer sollten eine Wahlmöglichkeit entsprechend der eignen Stärken und Vorlieben haben. Ein Aufsatz, eine Broschüre, eine Präsentation, ein kunsthandwerkliches Stück, ein Film oder ein Rap – alles sollte erlaubt sein. Auch sollten wir uns weniger auf das Curriculum und aufs Auswendiglernen von Daten und Fakten versteifen und dabei Gefahr laufen, die Teilnehmer aus dem Blick zu verlieren. „Bildung ist nicht das Auswendiglernen von Fakten, sondern das Gehirn zum Denken zu trainieren.“ Soll Albert Einstein gesagt haben. Gefällt mir.

Letzter Punkt für heute und auch der schwierigste in der täglichen Arbeit: Differenzierung. Ein Werbevideo von Nike bringt das Thema gut auf den Punkt. Zwei Frauen, die tanzen, jede auf ihre Art, die eine Ballett, die andere Hiphop, aber beide bis zur Perfektion. Sie kommen auf unterschiedlichen Wegen mit ihrem eigenen Stil zum selben Ziel.

Und genau darum geht’s auch hier. Die Art der Aufgabe und das Niveau der Aufgabenstellung muss den Schüler/die Schülerin dort abholen, wo er bzw. sie ist. Ganz klassisch kann man eine Aufgabe beispielsweise in drei Schwierigkeitsstufen anbieten: 1. die Kernaufgabe, 2. die einfachere Variante, 3. eine komplexere Variante.

Als Leitfaden dafür gilt die Einteilung der Lernphasen: 1. Vorwissen abrufen und neues anknüpfen, 2. verstehen, 3. anwenden, 4. schlussfolgern, 5. das neue Wissen in einem anderen Zusammenhang anwenden, 6. eigene Meinung /Einstellung zum Thema formulieren (5 und 6 können auch tauschen). Wie sich ganze Unterrichtseinheiten differenzieren lassen, zeigt zum Beispiel der Film „Motivation through choice and stations“. Die TN bekommen die Möglichkeit zu einem Thema an verschiedenen Stationen Vorwissen zu aktivieren, neues zu erkunden und zu verknüpfen.

Mit Tablets, Büchern, Schreibmaterial, Bastel- und Malecken und auch einer Lehrerstation. Nur an dieser Station gibt es eine tatsächliche Interaktion mit dem/ der Lehrerin, an den übrigen arbeiten die TN selbstständig. Darum bei aller Stationen-Arbeit ganz wichtig und extrem entlastend für den/die Lehrer*in: teach self-help! Die TN müssen sich selber oder gegenseitig helfen können, wenn sie etwas nicht verstehen. Hilfreich sind hier auch Instruktionsvideos – wenn man denn die Technik dafür hat. Dann ist es eine tolle Idee. Getoppt wird die gerade gezeigte Stationen-Arbeit noch von einer anderen Schule in den USA.

Innerhalb der Klasse haben Lehrer gemeinsam mit den Kindern verschiedene Arbeitsnischen mit extrem hohem Wohlfühlfaktor eingerichtet. Mit dabei: Sitzkissen, Yogaball, Ohrensessel, Nestschaukel, Flausch-Teppich. Sogar ein mit Kissen ausstaffiertes Kanu und ein Hochbett mit Höhle gibt es. Ein Traum! Jeder kann sitzen, liegen, lümmeln, wie und wo er will. So macht lernen Spaß!

Zu Differenzierung lässt sich so viel schreiben und zeigen, dass uns Lisa gleich noch zwei Extra-Dokumente mailt: „Differentiation in Action!“ (24 Seiten) und „Differentiation in Practice“ (384 Seiten) – alles in feinstem Englisch.

Da habe ich noch ordentlich was vor mir. Da auch heute wieder ein Stadtrundgang mit Guide winkt, entlässt uns Lisa etwas früher zum Mittag, das wir wieder gemeinsam genießen. Die Mädels sind wirklich klasse und das ständige Englisch-Portugiesisch-Spanisch-Italienisch-Gemisch macht irre Spaß. Die Tour durch Fiorentino führt heute Enzo, Sprachlehrer bei Europass und passionierter Historiker, der uns mit Ernst und melancholischem Charme auf die eher unbekannteren Spuren in der florentinischen Stadtgeschichte stößt.

Woran kann man etwa erkennen, wo in römischer Zeit das Amphitheater stand? Wo steht die am meisten unterbewertete Kirche? Und ist das Geburtshaus Dante Aligheris (Sie wissen schon, der mit dem monströs dicken Werk „Die göttliche Komödie“) auch tatsächlich sein Geburtshaus? Irre spannend. Zu meinem Glück hört sich Enzo gern monologisieren und stopft uns 140 Minuten mit Besserwissen a la Fiorentina voll. Grazie mille!

Bei meinem gestrigen Besuch des Museo de’ Medici hatte ich eine Ankündigung für ein Konzert mit barocker Kammermusik für heute Abend entdeckt. Da gehe ich jetzt hin. In einem Saal des ehrwürdigen Palazzo eines Kumpanen Cosimos I. de Medici (ja, genau, der Medici, der sich im 16. Jahrhundert vom Papst zum ersten Großherzog der Toskana einsetzen ließ) singen zwei Mezzosopranistinnen alte Lieder voller Herzschmerz von Händel, Monteverdi und Purcell. So schön! Beschwingt geht’s nach Hause. E-Mails checken und Lerntagebuch schreiben. Mehr ist nach so einem erfüllten Tag nicht drin.

Freitag, 14.2.2020: Viel Action mit Herz und Verstand

Signora begrüßt mich mit einem „Buon San Valentino!“ und Lisa hat „Baci“, die Pralinen Spezialität aus dem umbrischen Perugia für uns alle gekauft. So kann sogar ich diesem Tag etwas abgewinnen. Wir Damen sind uns einig, dass dieses Valentinstag-Geschenke-und- Briefe-Ding nicht das unsere ist. Zu viel Frust vorprogrammiert. Dann geht es noch um die Organisation des morgigen Tagesausflugs nach Siena, Montereggiohi und San Gimignano. Dieser startet nämlich mit einem zweistöckigen Reisebus. Und die dürfen seit drei Monaten – mal ein sinnvolles Gesetz – nicht mehr in die Altstadt fahren. Also müssen wir raus. Mit der Tram 1 zur Endstation Villa Costanza, direkt an der Autobahn nach Bologna.

Als Ergänzung zu gestern bietet uns Lisa weitere Methoden und Ideen für differenzierte Aufgabenstellungen. Stichworte: R. A. N., Tag of War (Tauziehen), Tic Tac Toe (neun Felder mit verschiedenen Aufgaben, Schüler wählen drei aus, entweder senkrecht, waagerecht oder diagonal) oder ein Menü wie im Restaurant. Dabei müssen alle mindestens 3 Aufgaben als Hauptgang wählen, wer fertig ist, wählt mindestens 2 Aufgaben aus dem Bereich Beilagen, ganz Schnelle nehmen noch mindestens ein (freiwilliges) Dessert. Süße Idee. Bedeutet zwar viel Vorbereitung und Gedankenschmalz, ist aber auch sehr wirkungsvoll und motivierend – Stichwort: Choice!

Der folgende Abschnitt ist vor allem etwas für meine 4 Kolleginnen aus dem Bereich Beratung: der Index of Inclusion. Mit Hilfe dieser Parameter lässt sich erkennen, wie weit die jeweilige Institution schon in Sachen Inklusion ist, was noch verbessert werden muss, und wie sich was wann umsetzen lässt. Grundlage dafür muss immer die Frage sein: Wie wollen wir zusammenleben? Gutes Hilfsmittel dafür ist ein 2-seitiger Fragebogen, den sowohl das Schulpersonal als auch die Kinder und Eltern ausfüllen sollen. Das ist gar nicht so einfach, stellt sich heraus, als wir selber diesen Fragebogen für unsere jeweilige Schule ausfüllen sollen.

Nach all der Theorie wird es Zeit für ein wenig Action: „4 Ecken“! Lisa klebt je einen Zettel mit einer Antwort (ja, nein, vielleicht, weiß nicht/will nicht antworten) in je eine Ecke des Raums, liest uns dann verschiedene Statements vor, zu denen wir unsere Meinung sagen sollen – indem wir in die jeweilige Zimmerecke gehen. Beispiele: Ich mag Fußball. Ich habe schon mal überlegt, meinen Job an der Schule aufzugeben. Man muss immer die Wahrheit sagen. Und so weiter. Gar nicht so einfach. Nach der Runde fragt Lisa die eine oder andere, warum sie in ihrer Ecke steht. Super Methode, um eine eigene Meinung zu bilden und auszudrücken, Stellung zu beziehen, zu reflektieren, den anderen zuzuhören. Und natürlich auch sich besser kennenzulernen.

Jetzt gibt’s nochmal das volle Pfund an Hilfsmitteln – 5 (!) Seiten voller Web-Adressen mit unterschiedlichsten kostenlosen Tools. Gold wert. Nur schade, dass Lisa nicht noch ein Extra-Zeitkontingent verschenken kann, dass sich zur genauen Durchsicht all dieser Seiten nutzen ließe! Und noch ein paar Hinweise zum Thema social education. Damit haben viele Schulen in unseren Herkunftsländern Deutschland, Portugal, Spanien und Schweden schon begonnen. Es geht darum, die Schüler auch in Sachen Selbstwahrnehmung, Selbstmanagement, sozialer Wahrnehmung, Beziehungsfähigkeit und verantwortungsvoller Entscheidungsfindung zu schulen. Diese Werte lassen sich in nahezu jedes Unterrichtsthema einbinden.

Fünf Tage vollgepackt mit Profiwissen. Da weiß man am Ende gar nicht mehr, womit man im Praxisalltag beginnen soll. Viele Ideen habe ich bereits. Zum Beispiel, dass und welche Stationen-Arbeit ich ganz bald in meinem aktuellen (und extrem heterogenen) Alpha Integrationskurs anbieten will und wie ich Aufgaben, die ich ursprünglich fürs Plenum und Einzelarbeit zu Hause geplant hatte für die Präsensphase binnendifferenziert einteilen will.

Grundlage für alle Strategien, Planungen, Förder- und Testprogramme muss aber sein: eine respektvolle, wertschätzende Beziehung zu jedem einzelnen. Oder wie es die US-Schriftstellerin Maya Angelou sagt: „Ich habe gelernt, dass Menschen schnell vergessen, was du gesagt oder getan hast. Aber sie werden nie vergessen, wie sie sich deinetwegen gefühlt haben.“ Stimmt. Das möchte ich noch mehr als sowieso schon beherzigen.

Samstag, 15.2.2020: Avanti, avanti! Im Spurt durch die Toskana – und langsam zurück

Die harte Arbeitsphase ist vorbei. Dafür darf ich heute und morgen früher aufstehen. Abfahrt ist um 8.45 Uhr. Aber eben nicht vom Zentrum aus, sondern von Villa Costanza an der Autobahn Bologna – Firenze. Die Fahrt mit der Tram dauert 21 Minuten. Und zur Tram laufen muss ich auch noch. Klappt aber alles bestens und an der Tram-Endstation gibt’s sogar eine schön, große Bar. Selbst die Autobahnraststätten machen hier im Vergleich zu ihren deutschen Kollegen bella figura. Meine Mädels-Truppe ist schon da. Und langsam trudeln auch die anderen Mitreisenden ein. Im Doppeldeckers (wir sitzen natürlich oben) geht’s über die Schnellstraße nach Siena – meiner großen Liebe.

Hier habe ich Mitte der 90er ein Jahr lang studiert. Heimspiel. Während Florenz seine Blüte in der Renaissance begann, ist Siena architektonisch im Spätmittelalter steckengeblieben. Und das tut dieser Stadt gut. Enge Gassen, rauf und runter (Siena ist auf drei Hügeln gebaut, im Tal in der Mitte liegt einer der schönsten Plätze weltweit, die Piazza del Campo), keine Autos. Aber leider: viele Touristen. Schon jetzt im Februar!

Im Eiltempo galoppieren wir – aufgeteilt in drei Gruppen – durch die Stadt. Eine Stunde mit (recht oberflächlichen) Erklärungen unserer Leiterin Carmen. Dann haben wir eine Stunde Zeit, um auf eigenen Faust die Stadt zu erkunden. Eine Stunde! Nun ja. Wir entscheiden uns dafür, in den Dom zu gehen, dessen Eintritt für uns überraschend nun doch kostenlos, weil inklusive ist. Ich war schon so oft hier drin.

Und jedes Mal denke ich wieder: So schön! Und ich bin wahrlich kein Kirchenfan. Allein die Ausgestaltung der Kuppel von Innen ist den Eintritt wert. Und die Boden-Mosaike. Von der Piazza del Campo gehen wir gemeinsam zurück zum Bus. Jetzt ist uns ein Mittagessen mit Weinprobe auf dem Land versprochen. Da hat man doch gleich ganz romantisch verträumte Vorstellungen.

 

Die wird leider enttäuscht, da sich das Weingut als kleinindustrielle Winzerei in der Tiefebene entpuppt, in der ein junger Mann (wohl der Sohn des Hauses) beim Essen nicht müde wird, die einzelnen Probeweine zu beschreiben. Praktischerweise liegt neben unseren Tellern auch gleich ein Bestellformular. Fühlt sich ein bisschen an wie eine Butterfahrt. Aber das Essen (Schinken, Salami, Pecorino mit Brot und Öl, Pasta mit Ragu) schmeckt gut.

Als Wiedergutmachung geht es im Anschluss nach Monteriggioni, zu Zeiten der ewigen Fehden zwischen Florenz und Siena im 13. bis 15. Jahrhundert eine Burg als Ausguck, ob die Feinde aus dem Norden anrücken. Heute ein zwar touristischer, aber trotzdem ruhiger und malerischer Ort hoch auf einem Hügel gelegen. Zeit zum Umschauen: 30 Minuten!

Danach rollt der Bus weiter nach San Gimignano, dem sogenannten „Manhattan des Mittelalters“. Diesen Namen hat der Ort seinen noch stehenden 14 Geschlechter-Türmen zu verdanken. Nur hier gibt es noch so viele von den Türmen, die einst wohlhabenderen Familien als Wehr- und Wohntürme, in friedlicheren Zeiten vor allem nur noch als Prestigeobjekt dienten.

Hier haben wir immerhin zwei Stunden freien Auslauf. Und ich habe die Zeit, für meine Daheimgebliebenen ein Wildschwein aus Plüsch sowie in Salami-Form zu erjagen. Und ganz viel Toskana einzusaugen.

Nach der Rückkehr nach Florenz (der Bus konnte uns jetzt an der Stazione Leopolda nahe des Zentrums absetzen), schlendern wir Mädels noch einmal gemeinsam durch die florentinischen Gassen. Und verabschieden uns herzlich mit Umarmungen und Küssen. Was für eine Woche! Morgen geht’s zurück nach Deutschland. 15 Stunden Zugfahrt. Florenz – Bozen – München – Hamburg – Tornesch. Aber dieses Mal am Tag.

Gibt auf der Strecke viel zu gucken. Und in der Zeit kann ich ganz gemütlich die Woche verdauen. Per Reiseblog. Danke für alle Infos, Gedanken und Erfahrungen, liebe Lisa. Danke, liebe Tatiana, Ana, Andreia und Lorena für den respektvollen und oft sehr fröhlichen Austausch!

Das war eine wundervolle Woche! Und ich kann nur jedem und jeder Kolleg*in – egal welchen Fachs oder welcher Schulform – empfehlen: Machen Sie diese Fortbildung! In Florenz. Oder in Dublin. Oder Nizza. Oder Valetta. Oder Barcelona. Es lohnt sich. Nein, es ist unbezahlbar!

Von links: Tatiana, Andreia, Lorena, Katrin (ich), Lise-Lott (Lisa), Ana