Florenz: Facing Diversity. Intercultural Classroom Management

von D. H. R.

12.10.-17.10.2020

Nachdem ich den Kurs eigentlich schon Ende Juni besuchen wollte, plante ich nun trotz der Corona-Pandemie, den Kurs im Oktober zu belegen. Die Schule EUROPASS informierte mich immer sehr gut über den aktuellen Stand und hielt mich auf dem Laufenden. Insbesondere Tania Strugova von EUROPASS war hier immer eine große Hilfe.

Nicht ganz so einfach war die Buchung der Flüge, die mehrfach verschoben wurden. Letzten Endes wurde mein Rückflug komplett gestrichen. Mein Hinflug wurde insgesamt 18-mal verschoben – andere Uhrzeiten, Tage, Zwischenstopps. Das konnte ja was werden. Am Ende entschied ich mich schon früher nach Italien zu fliegen, insbesondere da die Verbindung Hamburg – Florenz sehr schlecht ist. Los ging es also am 08.10.2020 nach Neapel. Nach ein bisschen kulturellem Flair am Fuße des Vesuvs, ging es dann am 11.10.2020 mit dem Zug nach Florenz. Endlich!

Montag, 12.10.2020

Meine zweite Mobilität nach Florenz beginnt. Schnell Frühstück bei I Ghibellini, zwei Wegminuten von der Schule, und ab geht’s. Bekannte Gesichter empfangen mich – Tania hat mich sofort wiedererkannt. Im Klassenraum angekommen, bin ich erstaunt: nur eine andere Teilnehmerin. Touria aus Belgien war die einzige, die sich außer mir aufgemacht hatte. Allen anderen blieb dies aufgrund zahlreicher Reiserestriktionen leider verwehrt. Schade! Aber nun gut – Vorstellungsrunde, Gespräche über die Schulen und unsere Arbeit machten den Anfang und nach einer kleinen Kaffeepause sprachen wir über Diversität in unseren Klassen und wie wir ihr begegnen. Welche Probleme ergeben sich? Wie versuchen wir diese zu lösen. Wir stecken also erst einmal den Rahmen ab für den Rest der Woche.

 

Dienstag, 13.10.2020

Zweiter Tag. Corona bestimmt auch den Alltag in der Schule. Masken sind Pflicht. Layla Dari, unsere italienische Dozentin trägt ein Visier, Desinfektion für alle. Und natürlich schleicht sich Corona auch immer wieder in unsere Gespräche. Die Pandemie lässt sich nicht ausblenden.

Wir sprechen zuerst über Unterschiede zwischen Interkulturell und Intrakulturell. Wir halten fest, dass intrakulturell sich auf eine einzelne Kultur und deren Regeln und negative Effekte bezieht – beispielsweise Stereotypen. Interkulturell steht für den Austausch zwischen zwei oder mehr Kulturen. Das Konfliktpotential liegt hier im Unbekannten und Ungewissen.

Layla erzählt viel und lässt eine Powerpoint durchlaufen. Tatsächlich verstehe ich nicht alles, da ihr Englisch manchmal schlecht zu verstehen ist und sie manchmal sehr schnell springt. Wir sehen ein paar Videos und sprechen anschließend über die Probleme in den Videos. Anschließend gibt uns Layla Beispielfälle mit Aufgaben, die wir lösen sollen. Spannend.

Mittwoch, 14.10.2020

Heute wird es sehr interessant. Der kulturelle Eisberg. Ich kenne ihn noch aus der Uni. Insofern ist er für mich nicht neu, allerdings gehen wir sehr tief darauf ein und schauen uns verschiedene Texte und ein Video dazu an. Am Ende sollen wir einen leeren Eisberg ausfüllen.

Der kulturelle Eisberg ist die Versinnbildlichung von kulturellen Eigenheiten. Nur 10 Prozent des Berges können wir sehen, der Rest liegt unter Wasser, unsichtbar. Ebenso funktioniert Kultur. Man kann einem Menschen vielleicht seine Kleidung, sein Auftreten ansehen, man kann die Küche eines Landes sehen und schmecken, ebenso ist Literatur und Musik ohne weiteres erlebbar. Jedoch können wir einem Menschen oder einer Kultur keine Werte, Regeln, Etikette und Vorstellungen ansehen. Ebenso wenig kann man Geschlechterrollen, Erwartungen, Normen und vieles mehr einfach erfahren. Hierzu muss man tiefer schauen, jemanden kennenlernen. Dies ist der Teil des Eisbergs, der unter der Wasseroberfläche liegt.

Nach einer kurzen Kaffeepause sprechen wir darüber, wie man Empathie fördern kann, wie man sich also auf den unsichtbaren Teil des Eisberges einlassen kann. Insbesondere ist hier die Kommunikation wichtig. Wie funktioniert Kommunikation und welche „emotional skills“ gibt es. Auch hier schauen wir wieder ein paar Videos und der Tag ist um.

 

Donnerstag, 15.10.2020

Heute steht auf dem Plan „Project-based learning for an inclusive school”. Huch? Jetzt geht‘s um Techniken. Tatsächlich habe ich den ganzen Tag das Gefühl, dass es nicht mehr um Diversity Classroom Management geht. Denn wir sprechen nur über Unterrichtsmethoden. Den Ansatz des Inquiry Based Learning habe ich nicht verstanden. Ich fühle mich abgehängt. Wir schieben einen Absatz über Kompetenzen ein: Kritisches Denken, Kreativität, Initiative, Problemlösen, Risiken erkennen, Entscheidungen treffen, Gefühlsmanagement.

Hier noch fix ein paar Details zu den Methoden vom Donnerstag:

Project-Based Learning entspricht im Grunde unserer guten Projektarbeit. In Deutschland arbeiten wir insbesondere in allgemeinbildenden Schulen schon lange mit Projektarbeit. In anderen Ländern ist dies nicht so stark vertreten. Besondere Methoden zu Projektarbeit für einen inklusiven oder integrativen Unterricht bekommen wir nicht an die Hand. Projektarbeit soll dabei eine Aufgabe für die Schüler beinhalten, die sie in Gruppen oder als ganze Klasse initiieren, organisieren, planen und durchführen müssen (z.B. Kajakbauen, Erstellen einer Ausstellung o.ä.). Im Gegensatz hierzu steht das Problem-based Learning. Hier wird eine Problemsituation gegeben und die Schülerinnen und Schüler sollen versuchen, dieses Problem zu lösen und Strategien zu entwickeln. Inquiry-based learning ist für uns Deutsche vielleicht manchmal schwer greifbar. Das Problem liegt hierbei in der Abgrenzung zum problem-based learning. IBL setzt eine Fragestellung voraus, ProblemBL ein Problem. In Deutschland wird meines Wissens nach nicht so stark getrennt, beziehungsweise variiert dies auch etwas in den Didaktiken, in denen ich nachgeschlagen habe.

 

Für weiterführende Informationen hierzu empfehle ich:

Project-based learning: https://www.pblworks.org/what-is-pbl

Problem-based learning: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1125189/

Inquiry-based learning: https://www.edutopia.org/blog/what-heck-inquiry-based-learning-heather-wolpert-gawron

 

Freitag, 16.10.2020

Heute geht es um Feedback und Reflektion. Wieder fehlt mir der Bezug zu Diversity Classroom Management. Darüber hinaus kenne ich die Methoden aus der Uni. Touria kennt sie auch. Layla ignoriert das etwas. Naja. Es gibt Zertifikate und wir beenden den Kurs. Touria und ich lassen den Kurs bei einem gemeinsamen Mittagessen ausklingen und verabreden uns für Samstag, um die Toskana zu erkunden.

 

Hier noch Details zu den Feedback-Methoden vom Freitag:

Tatsächlich diskutierten wir hier viel über die Erstellung von Fragebögen, wo Schülerinnen und Schüler zwischen Kategorien wie (trifft voll zu) und (trifft überhaupt nicht zu) wählen können. Es schien mir etwas so, als sei dies in anderen Ländern das Non-Plus-Ultra und voll in Mode. Ich persönlich halte davon nicht viel und finde diese Methoden zum Reflektieren für Schülerinnen und Schüler in der Primarstufe ohnehin unangebracht und selbst für die Sekundarstufe I noch nicht vollumfänglich nutzbar. Ich persönlich empfehle hier lieber die Feedback-Methodenbar der Uni Duisburg, mit der ich seit Jahren bereits arbeite.

Der große zweite Gesprächsblog befasste sich mehr mit dem WAS als mit dem WIE. Was genau lassen wir eigentlich bewerten, bzw. WEN und ergänzend WER bewertet überhaupt. Es lassen sich nämlich verschiedene Richtungen ausmachen: Schülerinnen und Schüler bewerten sich selbst, Schülerinnen und Schüler bewerten sich gegenseitig, Schülerinnen und Schüler bewerten die Lehrkräfte, Lehrkräfte bewerten Schülerinnen und Schüler usw. Tatsächlich ist dies für mich natürlich verständlich und sogar bekannt, da ich selbst Lehramt studiert habe. In der Arbeit an der Volkshochschule ist dies aber generell so gut wie nicht relevant. An der VHS sind höchstens Kursbewertungen oder Feedbacks zum Unterricht machbar. In der Regel bewerten wir die Leistungen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern nicht. Deutsch- und Integrationskurse mögen hier teilweise eine Ausnahme darstellen.

 

Feedback-Methodenbar der Uni Duisburg: https://www.uni-due.de/imperia/md/content/zfh/feedbackmethodenbar_2012.pdf

Samstag, 17.10.2020

Eigentlich hatte die Schule Ausflüge angeboten, tatsächlich sollte aber nur einer stattfinden, aufgrund mangelnder Teilnehmerzahlen. Ich kenne den Ausflug nach Siena schon vom letzten Jahr. Touria möchte sich in einem Reisebus nicht Corona aussetzen.

Stattdessen mieten wir ein Auto und erkunden Lucca, Pisa, Volterra und San Gimignano – ein wunderbarer Tag. Und der Beginn einer neuen Freundschaft.

Florenz: Designing inclusive learning environments to support all students

von K. S.

10.-16. Februar 2020

Ankunft: Vom grauen Norden ins Lern- und Lebensparadies

Grau, matschig, nasskalt: Der Februar ist so ziemlich das scheußlichste, was Norddeutschland zu bieten hat. Gut, dass ich weg darf. Eine Woche nach Florenz. Und dabei (wichtig fürs gute Gewissen) auch noch was lernen: 5 Tage an der Lehrerakademie Europass, Thema „Designing inclusive learning environments to support all students“. Etwas sperrig, zugegeben. Es geht darum, für alle Teilnehmer eine Umgebung zu schaffen, in der sie die zu ihnen passenden Räume, Methoden und Möglichkeiten finden, um erfolgreich zu lernen. 5 Tage? Da hänge ich doch gern noch was vorn dran und fahre einen Tag früher los. Oder besser: fast zwei.

Denn aus Gründen des CO2-Fußabdrucks und der Entschleunigung habe ich mich dazu entschieden, die rund 1300 Kilometer per Bahn zu überwinden. Und das dauert eben etwas länger. Wer es zeitlich einrichten kann und bereit ist, eine Übernachtung mehr zu bezahlen (die wird übrigens ebenfalls bezuschusst), sollte sich vor Beginn des Seminars unbedingt auch einen Tag mehr gönnen. Um richtig anzukommen, die Umgebung zu erkunden, vielleicht schon mal den Weg zum Schulungsort abzulaufen.

Genau das tue ich nach meiner Ankunft am Samstagmorgen. Ankommen. Heißt: Per pedes zu meinem Zuhause der nächsten Woche. Am Rande der Altstadt nördlich des Doms. Da bekommt man gleich ein Gefühl für die Stadt. Laut. Schön laut. Menschen reden, mit oder ohne Handy, laufen (weil häufig zu wenig Platz auf den Bürgersteigen ist) auf der Straße. Autos, Busse, Roller, Räder, Fußgänger – alles wird in geschmeidig flexiblem Slalomstil umkurvt. Dazu scheint die Sonne. Ich liebe es! Meine Gastgeberin, entschuldigt sich direkt beim Türöffnen wortreich für ihren Aufzug. „Es ist Wochenende, da bin ich den ganzen Tag im Bademantel.“

Klar. Warum auch nicht? Die Signora lebt allein in ihrer etwas übermöblierten 5-Zimmer-Wohnung. Ich habe ein Zimmer mit Doppelbett und ein Bad für mich allein – und auch fast die ganze Wohnung. Denn Signora geht gern zum Bridge spielen aus. Oder bleibt in ihrem Schlafzimmer und gibt sich via TV und Tablet das volle Nachrichtenprogramm. Ich fühle mich gleich a casa.

Und was nun tun mit so viel Freizeit? Na, zum Beispiel touristische Trampelfade verlassen und durch enge Seitengassen lustwandeln. Hinter jeder Ecke wartet ein neues kleines oder großes Wow-Erlebnis. Und verhungern muss hier auch keiner. Tipp: In der Via dei Servi (geht ab vom Dom Richtung Nordosten) befinden sich viele kleine, bodenständige Restaurants, die italienische Hausmannskost zu fairen Preisen bieten. Auch zu empfehlen ist eine Busfahrt nach Fiesole (Linie 7).

Ein Busticket kostet 1,50 Euro, kann in „Sale & Tabacchi“-Läden oder – so vorhanden – am Automaten gekauft werden und gilt 90 Minuten. In dieser Zeit kann man unbegrenzt oft mit Bus und Tram hin und herfahren. Achtung! Nach dem Einstieg sofort das Ticket abstempeln. Maschinen dafür gibt es in jedem Bus. Wer das Stempeln vergisst, fährt schwarz!

Der Ort liegt in den Hügeln nördlich von Florenz. Hier oben gibt es viel Ausblick, ein paar kleine Geschäfte und Bars, einen Wochenmarkt und ein kleines Franziskaner-Kloster. Wer zu Fuß zurück in die Stadt laufen möchte: Der Weg ist ausgeschildert, bis ins Zentrum braucht man circa 1 Stunde. Jetzt ist es aber mal genug mit Erholungsprogramm. Schließlich bin ich zum Arbeiten hier.

 

Montag, 10.2.2020: Wer bist du und was machen wir hier?

Raus aus der Haustür, geradeaus, links, rechts – da ist er schon: Der erste Blick des Tages auf den Dom von Florenz. Schön. Und sehr motivierend. Nach etwa 10 weiteren Minuten bequemen Fußmarsches bin ich schon bei Europass. Die Lehrer-Akademie belegt den gesamten 2. Stock eines Renaissance-Palazzo. 63 Steinstufen hoch, linker Eingang, rechts zum Empfang, weiter durch einen schmalen Gang, erste Tür rechts. Klingt verwirrend. Ist es die ersten paar Male auch. Aber dann wird’s.

Unser Arbeitsplatz der nächsten Vormittage ist circa rund 21 qm klein, vanillegelb getünchte Wände, Flachbildschirm, 2 Whiteboards und Balkon mit Blick in den Innenhof. Seminarleiterin Lise Lott aus Schweden, die sich im Ausland lieber Lisa nennt (sprechen Sie „Lise-Lott“ mal auf Englisch aus, dann wissen Sie warum), habe ich schon via Mail kennengelernt. Und jetzt in echt. Sehr sympathisch. Die übrigen Teilnehmerinnen auch. Ja, genau. Wir sind eine reine Frauentruppe und nur zu fünft: eine Gruppe von drei Psychologinnen aus Portugal und eine Psychologin aus Spanien. Alle vier arbeiten als Beraterinnen an Regelschulen.

Na, da bin ich ja gut aufgehoben! Für Kaffee, Tee, Wasser und Kekse ist gesorgt. Dazu gibt’s eine geballte Ladung Infos: WiFi-Passwort, Wochenplan (sehr flexibel nach unseren Bedürfnissen), optionales Ausflugsprogramm (2 Stadtspaziergängen am Nachmittag, 1 Tagesausflug am Samstag) und natürlich Sightseeing-Tipps. Dermaßen gut versorgt, geht’s los mit Vorstellungsrunden: Zuerst mal ein Namensschild aus Papier basteln (mit Namen, Arbeit, Landesflagge, aktuelle Gefühlslage).

Besonders gefällt mir eine weitere Idee, die sich auch für den Unterricht eignet – zum Kennenlernen, aber auch um Hausaufgaben oder neue Lerninhalte abzufragen: Jeder schreibt drei Aussagen zu sich selbst auf. Zwei sind richtig, eine ist falsch. Im Anschluss muss eine andere Person raten, welche Info gelogen ist. Dabei kommt heraus: Dozentin Lisa hat den schwarzen Gürtel in Karate – Respekt! Und in den Arbeitsanweisungen für uns versteckt sich auch schon der nächste Praxis-Tipp: Schlüsselwörter sind unterstrichen und bebildert. Wo möglich kann man an einem Gegenstand beispielhaft vormachen, was zu tun ist, beim Namensschild etwa das Papier falten.

So werden gleich mehrere Kanäle angesprochen. Jetzt geht es an die Inhalte: Probleme, mit denen Teilnehmer beim Lernen zu kämpfen haben könnten, den Unterschied zwischen dem medizinischen und dem sozialen Denkmodel und was genau inklusives Lernen bedeutet. Dazu gehört auch das Universal Design for Learning (UDL) – heißt: jeder wird entsprechend seines Niveaus, seiner Stärken, Interessen und Bedürfnisse in einer wertschätzenden Atmosphäre zum Lernen motiviert. Und dass nach den 3 Prinzipien, nach denen auch unser Gehirn beim Lernen arbeitet: Was? Wie? Warum? Und schon ist der erste Seminartag (immerhin 5 Stunden, nur unterbrochen von zwei 15- Minuten-Pausen!) um.

Mit vollem – und zugleich irgendwie wattig leerem – Kopf geht’s auf Nahrungssuche (das ist in dieser Stadt nun wirklich keine Herausforderung) und dann ab nach Hause. Denn – das ist auch noch schön, wenn man so ganz allein unterwegs ist – man kann sich einfach mal hinlegen und schlafen. Batterie auftanken. Voll fit geht’s danach weiter, 500 Jahre alte Pflastersteine treten und die Stadt genießen.

Dienstag, 11.2.2020: Alle kriegen das Gleiche – das ist nicht fair!

Um Punkt 9 Uhr sind heute alle da. Hochmotiviert für die zweite Runde. Nach einer kurzen gemeinsamen Zusammenfassung des gestrigen Stoffs geht’s weiter mit Diversity. Was bedeutet das? Und warum ist es so wichtig? Gute Idee für den eigenen Unterricht:

In einer Kleingruppe von 2 bis 3 Teilnehmern (TN) schreiben wir unsere Stichpunkte an eine Seite eines DIN A4-Papiers und besprechen anschließend, auf welche Aussagen wir uns einigen können. Die notieren wir in der Mitte. Wie können wir aber nun mit all diesen Verschiedenheiten umgehen? Wichtig ist erst einmal zu begreifen, dass es keinen Sinn macht, allen Lernern mit ihren unterschiedlichen Voraussetzungen das gleiche zu geben.

Man muss jedem erst den Zugang zu allen Möglichkeiten geben, (Equity = Fairness), bevor Gleichheit (Equalitiy) entstehen kann. Einleuchtend. Und trotzdem fällt es im alltäglichen Unterricht immer wieder schwer. Die Frage ist also: Wie? Dafür muss man erst einmal wissen, welcher Schüler welche Probleme beim Lernen hat und warum.

Wir gehen einige Diagnosen durch, die mit Lernschwierigkeiten einhergehen: AD(H)S, DCD (Developmental Coordination Disorder), Asperger Syndrom, der leichtesten Form von Autismus. Welche Anzeichen und spezifischen Probleme gibt es? Wie können Lehrer und Assistenten helfen? Welche Strategien kann der Schüler (etwa bei impulsiven Wutausbrüchen) selbst anwenden? Tolle Idee: Lisa zeigt uns zu jeder Diagnose einen Film aus Sicht eines Betroffenen (alle frei auf YouTube verfügbar).

Als kleine Aktivität zum Tagesabschluss gibt’s noch ein Brainstorming. Wann und warum kann ich selbst eigentlich gut lernen? Erst notieren wir jeder alleine Stichpunkte, dann sammeln wir im Plenum. Plus Fragebogen: visuell – auditiv – taktil – welcher Lerntyp bin ich? Das Ergebnis: Jede von uns lernt anders gut. Und das ist bei unseren Teilnehmern ganz genauso.

Da heute noch die erste von zwei Stadtführungen auf dem Programm steht, entlässt uns Lisa ein wenig früher. Gemeinsam geht unsere Damenrunde zum Mittag in eine der diversen Pizzerien in der Nähe. Wir essen draußen auf der Terrasse. Im Februar! Gegen 15 Uhr treffen wir Kunsthistorikerin Jasmine und Teilnehmer aus den parallel laufenden Europass-Kursen und laufen in Richtung Basilika San Lorenzo (Kapelle inklusive Grabstellen der berühmten Medici-Familie), weiter zur Villa Medici, zum Dom Santa Maria dei Fiori und Palazzo Vecchio bis zum Arno. Jasmine sprudelt geradezu über mit Infos und Details. Auf Englisch mit italienischer Gestik. Super interessant. Nur blöd, dass man das meiste doch wieder ziemlich schnell vergisst.

Mittwoch, 12.2.2020: Motivier mich – aber wie?

Wir starten direkt mit einer Aktion: Board Race! Frage: Was motiviert Teilnehmer zu lernen? Jeder macht sich 2 Minuten lang Notizen, dann stellen wir uns in 2 Gruppen in einer Reihe auf, die erste Person in jeder Reihe bekommt einen Stift in die Hand. Auf „Los!“ haben wir 5 Minuten Zeit, unsere Stichworte eine nach der anderen an je ein Whiteboard zu schreiben.

Bei nur 2 Leuten (Andreia und ich) natürlich abwechselnd. Kann man machen, um vorhandenes Wissen zu aktivieren – auch als Wettkampf. Gute Idee! Das nächste Zauberwort in Sachen Motivation heißt „choice“.

Wer selbst auswählen kann, welche Aufgabe er in welchem Rahmen wie bearbeitet, geht mit viel mehr Elan an die Sache. Wobei die Auswahlmöglichkeiten beispielsweise bei einer Person mit AD(H)S klarer und übersichtlicher sein müsste, eben abhängig vom Lerner und seinen jeweiligen Fähigkeiten und Bedürfnissen. Auch hierzu zeigt uns Lisa einen Film aus der Reihe „The 6 C’s – choice, communication, collaboration, critical thinking, care, creativity“ – danach möchte man am liebsten selber gleich loslegen. Anknüpfend an gestern geht’s zurück zu weiteren Diagnosen, charakteristischen Problemen und Hilfsstrategien: Tourette und OCD (Obsessive Compulsive Disorder).

Auch ungeheuer wichtiges Thema: Hochbegabte Kinder – wie kann ich hier zusätzlich fordern und mit Stoff versorgen? Und welche Strategien helfen bei Dyskalkulie und Dyslexie. Auch hier zeigt Lisa zu einzelnen Diagnosen Filme auf YouTube, die den Lebensalltag jeweils eines oder einer Betroffenen zeigen. Solche Filme sind absolut sehenswert und machen verständlicher, mit welchen zum Teil einfachen Mitteln sich die Lernsituation verbessern lässt.

Ein Beispiel: Menschen mit Dyskalkulie haben unter anderem große Schwierigkeiten damit, einen Zeitraum zu überblicken. Eine Sanduhr mit farbigem Sand zusätzlich zu einer Digital- und einer Analog-Uhr macht die noch vorhandene Zeit (beispielsweise bis zum Ende einer Übung oder des Unterrichts) sichtbar.

Egal, welche Menschen aus welchem Grund zusammenkommen: Um sich wohl zu fühlen und gemeinsam gut arbeiten und lernen zu können, braucht es Vertrauen, Kooperationsbereitschaft, verlässliche und verständliche Kommunikation und Zusammengehörigkeitsgefühl. Teambuilding ist angesagt. Dafür gibt es viele wunderbare Spielideen im Internet, z. B. mit Hulahoop-Reifen. Lisa zeigt uns einige und lässt uns dann selber ran.

Aus 20 Spaghetti, 1 m Klebeband, 1 m Schnur und einem Marshmallow sollen wir als 3er und 2er Team in 20 Minuten einen möglichst hohen Turm bauen. Meine Teamkollegin Ana und ich kämpfen mit verschärften Mitteln, da sie kaum Englisch und ich kein Portugiesisch spreche. „Man kann das auch noch verschärfen, indem in einem Team einer nicht sprechen und einer nur eine Hand benutzen darf“, schmunzelt Lisa. Nein danke! Ich verzweifle schon so. Spaß macht’s trotzdem – und erst ganz kurz vor Schluss, bricht er dann doch noch zusammen, unser Marshmallow-Turm. Lustig! Und zur Gruppenstärkung hat die Aktion auf jeden Fall beigetragen.

Am Nachmittag gönne ich mir die Basilika di San Lorenzo mit Besuch der Krypta. Dort ruht Cosimo der Alte (nicht zu verwechseln mit seinem Urururenkel Cosimo I., der rund 200 Jahre später lebte), dessen Sarkophag – Achtung, sehr bedeutungsschwanger – als Sockel einer Säule dient die das Kirchenschiff zu tragen scheint.

Für eine Extra-Portion Geschichte gehe ich noch in das Museo de Medici in der Via dei Servi (genau, die mit den vielen netten Restaurants). Klein, fein und einsam. Ich bin an diesem Nachmittag die einzige Besucherin. Und erhalte dank eines an die Wand projizierten Stammbaums endlich einen guten Überblick über 400 Jahre Familiengeschichte. Grazie!

Donnerstag, 13.2.2020: Eine Frage des Stils: Viele Wege zum selben Ziel

Nun haben wir schon drei Tage lang so dermaßen viel Wissenswertes zu hören, zu sehen und zu fühlen bekommen – und nun geht es eigentlich erst ans Eingemachte. Zumindest für mich, Daz-Dozentin in Integrationskursen mit Alphabetisierung. Das Thema heute: Zweitsprachen-Lerner.

Erstmal sammeln: Welche Probleme können Menschen haben, die eine neue Sprache lernen oder sogar lernen müssen? Und was kann helfen? Dazu gibt’s wieder ein Papier mit tollen Ideen und Tipps. Zum Beispiel das VENN Diagramm. Es besteht aus zwei (oder auch drei) Kreisen, die sich in der Mitte überschneiden. Mit dieser Methode lassen sich zum Beispiel Dinge und ihre Eigenschaften vergleichen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennen und visualisieren.

Und ein solches Diagramm gibt dazu noch einen guten Sprechanlass. Konkret am Beispiel Zitrone und Banane: Die Unterschiede (sauer, saftig – süß, weich) kommen in die Kreise, die Übereinstimmungen (Frucht, gelb) in die Schnittmenge. Nicht verstanden? Dann gibt’s auch hierzu tolle Filme auf YouTube, Stichwort „venn diagramm“.

Haben wir es verstanden? Um das zu checken, dürfen wir jetzt ran und ein paar Dinge über uns notieren: Herkunftsland, Sprachen, Berufe, Eigenschaften, Interessen und einen Traum. Im Gespräch, bei dem wir gemeinsam die Felder ausfüllen, stellen Lorena (die psychologische Schulberaterin aus Andalusien) und ich viele Gemeinsamkeiten fest (wir lesen, reisen und lernen gern etwas über andere Kulturen). Zum besseren Kennenlernen sind VENN Diagramme also auch noch gut.

Weiter geht es mit verschiedenen Möglichkeiten, neu erworbenes Wissen abzufragen. Und zwar über die gewohnten Tests und Klausuren hinaus. Die Teilnehmer sollten eine Wahlmöglichkeit entsprechend der eignen Stärken und Vorlieben haben. Ein Aufsatz, eine Broschüre, eine Präsentation, ein kunsthandwerkliches Stück, ein Film oder ein Rap – alles sollte erlaubt sein. Auch sollten wir uns weniger auf das Curriculum und aufs Auswendiglernen von Daten und Fakten versteifen und dabei Gefahr laufen, die Teilnehmer aus dem Blick zu verlieren. „Bildung ist nicht das Auswendiglernen von Fakten, sondern das Gehirn zum Denken zu trainieren.“ Soll Albert Einstein gesagt haben. Gefällt mir.

Letzter Punkt für heute und auch der schwierigste in der täglichen Arbeit: Differenzierung. Ein Werbevideo von Nike bringt das Thema gut auf den Punkt. Zwei Frauen, die tanzen, jede auf ihre Art, die eine Ballett, die andere Hiphop, aber beide bis zur Perfektion. Sie kommen auf unterschiedlichen Wegen mit ihrem eigenen Stil zum selben Ziel.

Und genau darum geht’s auch hier. Die Art der Aufgabe und das Niveau der Aufgabenstellung muss den Schüler/die Schülerin dort abholen, wo er bzw. sie ist. Ganz klassisch kann man eine Aufgabe beispielsweise in drei Schwierigkeitsstufen anbieten: 1. die Kernaufgabe, 2. die einfachere Variante, 3. eine komplexere Variante.

Als Leitfaden dafür gilt die Einteilung der Lernphasen: 1. Vorwissen abrufen und neues anknüpfen, 2. verstehen, 3. anwenden, 4. schlussfolgern, 5. das neue Wissen in einem anderen Zusammenhang anwenden, 6. eigene Meinung /Einstellung zum Thema formulieren (5 und 6 können auch tauschen). Wie sich ganze Unterrichtseinheiten differenzieren lassen, zeigt zum Beispiel der Film „Motivation through choice and stations“. Die TN bekommen die Möglichkeit zu einem Thema an verschiedenen Stationen Vorwissen zu aktivieren, neues zu erkunden und zu verknüpfen.

Mit Tablets, Büchern, Schreibmaterial, Bastel- und Malecken und auch einer Lehrerstation. Nur an dieser Station gibt es eine tatsächliche Interaktion mit dem/ der Lehrerin, an den übrigen arbeiten die TN selbstständig. Darum bei aller Stationen-Arbeit ganz wichtig und extrem entlastend für den/die Lehrer*in: teach self-help! Die TN müssen sich selber oder gegenseitig helfen können, wenn sie etwas nicht verstehen. Hilfreich sind hier auch Instruktionsvideos – wenn man denn die Technik dafür hat. Dann ist es eine tolle Idee. Getoppt wird die gerade gezeigte Stationen-Arbeit noch von einer anderen Schule in den USA.

Innerhalb der Klasse haben Lehrer gemeinsam mit den Kindern verschiedene Arbeitsnischen mit extrem hohem Wohlfühlfaktor eingerichtet. Mit dabei: Sitzkissen, Yogaball, Ohrensessel, Nestschaukel, Flausch-Teppich. Sogar ein mit Kissen ausstaffiertes Kanu und ein Hochbett mit Höhle gibt es. Ein Traum! Jeder kann sitzen, liegen, lümmeln, wie und wo er will. So macht lernen Spaß!

Zu Differenzierung lässt sich so viel schreiben und zeigen, dass uns Lisa gleich noch zwei Extra-Dokumente mailt: „Differentiation in Action!“ (24 Seiten) und „Differentiation in Practice“ (384 Seiten) – alles in feinstem Englisch.

Da habe ich noch ordentlich was vor mir. Da auch heute wieder ein Stadtrundgang mit Guide winkt, entlässt uns Lisa etwas früher zum Mittag, das wir wieder gemeinsam genießen. Die Mädels sind wirklich klasse und das ständige Englisch-Portugiesisch-Spanisch-Italienisch-Gemisch macht irre Spaß. Die Tour durch Fiorentino führt heute Enzo, Sprachlehrer bei Europass und passionierter Historiker, der uns mit Ernst und melancholischem Charme auf die eher unbekannteren Spuren in der florentinischen Stadtgeschichte stößt.

Woran kann man etwa erkennen, wo in römischer Zeit das Amphitheater stand? Wo steht die am meisten unterbewertete Kirche? Und ist das Geburtshaus Dante Aligheris (Sie wissen schon, der mit dem monströs dicken Werk „Die göttliche Komödie“) auch tatsächlich sein Geburtshaus? Irre spannend. Zu meinem Glück hört sich Enzo gern monologisieren und stopft uns 140 Minuten mit Besserwissen a la Fiorentina voll. Grazie mille!

Bei meinem gestrigen Besuch des Museo de’ Medici hatte ich eine Ankündigung für ein Konzert mit barocker Kammermusik für heute Abend entdeckt. Da gehe ich jetzt hin. In einem Saal des ehrwürdigen Palazzo eines Kumpanen Cosimos I. de Medici (ja, genau, der Medici, der sich im 16. Jahrhundert vom Papst zum ersten Großherzog der Toskana einsetzen ließ) singen zwei Mezzosopranistinnen alte Lieder voller Herzschmerz von Händel, Monteverdi und Purcell. So schön! Beschwingt geht’s nach Hause. E-Mails checken und Lerntagebuch schreiben. Mehr ist nach so einem erfüllten Tag nicht drin.

Freitag, 14.2.2020: Viel Action mit Herz und Verstand

Signora begrüßt mich mit einem „Buon San Valentino!“ und Lisa hat „Baci“, die Pralinen Spezialität aus dem umbrischen Perugia für uns alle gekauft. So kann sogar ich diesem Tag etwas abgewinnen. Wir Damen sind uns einig, dass dieses Valentinstag-Geschenke-und- Briefe-Ding nicht das unsere ist. Zu viel Frust vorprogrammiert. Dann geht es noch um die Organisation des morgigen Tagesausflugs nach Siena, Montereggiohi und San Gimignano. Dieser startet nämlich mit einem zweistöckigen Reisebus. Und die dürfen seit drei Monaten – mal ein sinnvolles Gesetz – nicht mehr in die Altstadt fahren. Also müssen wir raus. Mit der Tram 1 zur Endstation Villa Costanza, direkt an der Autobahn nach Bologna.

Als Ergänzung zu gestern bietet uns Lisa weitere Methoden und Ideen für differenzierte Aufgabenstellungen. Stichworte: R. A. N., Tag of War (Tauziehen), Tic Tac Toe (neun Felder mit verschiedenen Aufgaben, Schüler wählen drei aus, entweder senkrecht, waagerecht oder diagonal) oder ein Menü wie im Restaurant. Dabei müssen alle mindestens 3 Aufgaben als Hauptgang wählen, wer fertig ist, wählt mindestens 2 Aufgaben aus dem Bereich Beilagen, ganz Schnelle nehmen noch mindestens ein (freiwilliges) Dessert. Süße Idee. Bedeutet zwar viel Vorbereitung und Gedankenschmalz, ist aber auch sehr wirkungsvoll und motivierend – Stichwort: Choice!

Der folgende Abschnitt ist vor allem etwas für meine 4 Kolleginnen aus dem Bereich Beratung: der Index of Inclusion. Mit Hilfe dieser Parameter lässt sich erkennen, wie weit die jeweilige Institution schon in Sachen Inklusion ist, was noch verbessert werden muss, und wie sich was wann umsetzen lässt. Grundlage dafür muss immer die Frage sein: Wie wollen wir zusammenleben? Gutes Hilfsmittel dafür ist ein 2-seitiger Fragebogen, den sowohl das Schulpersonal als auch die Kinder und Eltern ausfüllen sollen. Das ist gar nicht so einfach, stellt sich heraus, als wir selber diesen Fragebogen für unsere jeweilige Schule ausfüllen sollen.

Nach all der Theorie wird es Zeit für ein wenig Action: „4 Ecken“! Lisa klebt je einen Zettel mit einer Antwort (ja, nein, vielleicht, weiß nicht/will nicht antworten) in je eine Ecke des Raums, liest uns dann verschiedene Statements vor, zu denen wir unsere Meinung sagen sollen – indem wir in die jeweilige Zimmerecke gehen. Beispiele: Ich mag Fußball. Ich habe schon mal überlegt, meinen Job an der Schule aufzugeben. Man muss immer die Wahrheit sagen. Und so weiter. Gar nicht so einfach. Nach der Runde fragt Lisa die eine oder andere, warum sie in ihrer Ecke steht. Super Methode, um eine eigene Meinung zu bilden und auszudrücken, Stellung zu beziehen, zu reflektieren, den anderen zuzuhören. Und natürlich auch sich besser kennenzulernen.

Jetzt gibt’s nochmal das volle Pfund an Hilfsmitteln – 5 (!) Seiten voller Web-Adressen mit unterschiedlichsten kostenlosen Tools. Gold wert. Nur schade, dass Lisa nicht noch ein Extra-Zeitkontingent verschenken kann, dass sich zur genauen Durchsicht all dieser Seiten nutzen ließe! Und noch ein paar Hinweise zum Thema social education. Damit haben viele Schulen in unseren Herkunftsländern Deutschland, Portugal, Spanien und Schweden schon begonnen. Es geht darum, die Schüler auch in Sachen Selbstwahrnehmung, Selbstmanagement, sozialer Wahrnehmung, Beziehungsfähigkeit und verantwortungsvoller Entscheidungsfindung zu schulen. Diese Werte lassen sich in nahezu jedes Unterrichtsthema einbinden.

Fünf Tage vollgepackt mit Profiwissen. Da weiß man am Ende gar nicht mehr, womit man im Praxisalltag beginnen soll. Viele Ideen habe ich bereits. Zum Beispiel, dass und welche Stationen-Arbeit ich ganz bald in meinem aktuellen (und extrem heterogenen) Alpha Integrationskurs anbieten will und wie ich Aufgaben, die ich ursprünglich fürs Plenum und Einzelarbeit zu Hause geplant hatte für die Präsensphase binnendifferenziert einteilen will.

Grundlage für alle Strategien, Planungen, Förder- und Testprogramme muss aber sein: eine respektvolle, wertschätzende Beziehung zu jedem einzelnen. Oder wie es die US-Schriftstellerin Maya Angelou sagt: „Ich habe gelernt, dass Menschen schnell vergessen, was du gesagt oder getan hast. Aber sie werden nie vergessen, wie sie sich deinetwegen gefühlt haben.“ Stimmt. Das möchte ich noch mehr als sowieso schon beherzigen.

Samstag, 15.2.2020: Avanti, avanti! Im Spurt durch die Toskana – und langsam zurück

Die harte Arbeitsphase ist vorbei. Dafür darf ich heute und morgen früher aufstehen. Abfahrt ist um 8.45 Uhr. Aber eben nicht vom Zentrum aus, sondern von Villa Costanza an der Autobahn Bologna – Firenze. Die Fahrt mit der Tram dauert 21 Minuten. Und zur Tram laufen muss ich auch noch. Klappt aber alles bestens und an der Tram-Endstation gibt’s sogar eine schön, große Bar. Selbst die Autobahnraststätten machen hier im Vergleich zu ihren deutschen Kollegen bella figura. Meine Mädels-Truppe ist schon da. Und langsam trudeln auch die anderen Mitreisenden ein. Im Doppeldeckers (wir sitzen natürlich oben) geht’s über die Schnellstraße nach Siena – meiner großen Liebe.

Hier habe ich Mitte der 90er ein Jahr lang studiert. Heimspiel. Während Florenz seine Blüte in der Renaissance begann, ist Siena architektonisch im Spätmittelalter steckengeblieben. Und das tut dieser Stadt gut. Enge Gassen, rauf und runter (Siena ist auf drei Hügeln gebaut, im Tal in der Mitte liegt einer der schönsten Plätze weltweit, die Piazza del Campo), keine Autos. Aber leider: viele Touristen. Schon jetzt im Februar!

Im Eiltempo galoppieren wir – aufgeteilt in drei Gruppen – durch die Stadt. Eine Stunde mit (recht oberflächlichen) Erklärungen unserer Leiterin Carmen. Dann haben wir eine Stunde Zeit, um auf eigenen Faust die Stadt zu erkunden. Eine Stunde! Nun ja. Wir entscheiden uns dafür, in den Dom zu gehen, dessen Eintritt für uns überraschend nun doch kostenlos, weil inklusive ist. Ich war schon so oft hier drin.

Und jedes Mal denke ich wieder: So schön! Und ich bin wahrlich kein Kirchenfan. Allein die Ausgestaltung der Kuppel von Innen ist den Eintritt wert. Und die Boden-Mosaike. Von der Piazza del Campo gehen wir gemeinsam zurück zum Bus. Jetzt ist uns ein Mittagessen mit Weinprobe auf dem Land versprochen. Da hat man doch gleich ganz romantisch verträumte Vorstellungen.

 

Die wird leider enttäuscht, da sich das Weingut als kleinindustrielle Winzerei in der Tiefebene entpuppt, in der ein junger Mann (wohl der Sohn des Hauses) beim Essen nicht müde wird, die einzelnen Probeweine zu beschreiben. Praktischerweise liegt neben unseren Tellern auch gleich ein Bestellformular. Fühlt sich ein bisschen an wie eine Butterfahrt. Aber das Essen (Schinken, Salami, Pecorino mit Brot und Öl, Pasta mit Ragu) schmeckt gut.

Als Wiedergutmachung geht es im Anschluss nach Monteriggioni, zu Zeiten der ewigen Fehden zwischen Florenz und Siena im 13. bis 15. Jahrhundert eine Burg als Ausguck, ob die Feinde aus dem Norden anrücken. Heute ein zwar touristischer, aber trotzdem ruhiger und malerischer Ort hoch auf einem Hügel gelegen. Zeit zum Umschauen: 30 Minuten!

Danach rollt der Bus weiter nach San Gimignano, dem sogenannten „Manhattan des Mittelalters“. Diesen Namen hat der Ort seinen noch stehenden 14 Geschlechter-Türmen zu verdanken. Nur hier gibt es noch so viele von den Türmen, die einst wohlhabenderen Familien als Wehr- und Wohntürme, in friedlicheren Zeiten vor allem nur noch als Prestigeobjekt dienten.

Hier haben wir immerhin zwei Stunden freien Auslauf. Und ich habe die Zeit, für meine Daheimgebliebenen ein Wildschwein aus Plüsch sowie in Salami-Form zu erjagen. Und ganz viel Toskana einzusaugen.

Nach der Rückkehr nach Florenz (der Bus konnte uns jetzt an der Stazione Leopolda nahe des Zentrums absetzen), schlendern wir Mädels noch einmal gemeinsam durch die florentinischen Gassen. Und verabschieden uns herzlich mit Umarmungen und Küssen. Was für eine Woche! Morgen geht’s zurück nach Deutschland. 15 Stunden Zugfahrt. Florenz – Bozen – München – Hamburg – Tornesch. Aber dieses Mal am Tag.

Gibt auf der Strecke viel zu gucken. Und in der Zeit kann ich ganz gemütlich die Woche verdauen. Per Reiseblog. Danke für alle Infos, Gedanken und Erfahrungen, liebe Lisa. Danke, liebe Tatiana, Ana, Andreia und Lorena für den respektvollen und oft sehr fröhlichen Austausch!

Das war eine wundervolle Woche! Und ich kann nur jedem und jeder Kolleg*in – egal welchen Fachs oder welcher Schulform – empfehlen: Machen Sie diese Fortbildung! In Florenz. Oder in Dublin. Oder Nizza. Oder Valetta. Oder Barcelona. Es lohnt sich. Nein, es ist unbezahlbar!

Von links: Tatiana, Andreia, Lorena, Katrin (ich), Lise-Lott (Lisa), Ana